Medien : Zu viel Beat!

Honecker misstraute DT 64, verbot es aber nicht Vor 40 Jahren ging das Jugendradio auf Sendung

Gunnar Decker

Plötzlich ist vieles möglich in der DDR. Drei Jahre nach dem Mauerbau 1961 scheinen all jene Recht zu behalten, die sagen, wenn wir erst unter uns sind, dann endlich klappt es auch mit dem Sozialismus. Unter uns, das heißt: hinter geschlossenen Grenzen, abgeschottet von der Welt. Und paradoxerweise wird es wirklich leichter, kommt Neues, tritt man zaghaft aus dem Schatten Stalins. Diese Aufbruchseuphorie ist echt. Ein Ergebnis der Euphorie heißt „DT 64“: 99 Stunden Live-Report vom „Deutschlandtreffen der Jugend“ in Berlin. 500 000 FDJler treffen 10 000 Westjugendliche. Ein Anfang immerhin. Das passiert Pfingsten 1964. Ein Schiff auf der Spree dient als schwimmender Übertragungswagen.

Der Erfolg ist unstrittig. Wolf Biermann und Sarah Kirsch lesen und diskutieren vor Tausenden Zuhörern. Man spielt Beat-Musik und fühlt sich frei, oder jedenfalls freier, als man es hinter Mauern je für möglich gehalten hatte. Wegen des großen Erfolgs wird aus dem Sonderstudio eine dauerhafte Einrichtung: das „Jugendstudio DT 64“. Aber die Euphorie hält nicht lange. Walter Ulbricht hat einfach nur Angst vor Nikita Chruschtschow von der mächtigen Bruderpartei KPdSU, der gerade eine neue politische Linie vertritt: mehr offene Debatte und Streitkultur. Ulbricht ist geschwächt – das wiederum missverstehen Künstler und Intellektuelle als neue Politik. Dann wird Chruschtschow entmachtet und Ulbricht nimmt all das zurück, was er ohnehin nie gewollt hatte.

DT 64 bekommt es zu spüren. Beatmusik ist nun wieder dekadent. Rockgruppen werden so schnell verboten wie sie sich gründen. Es kommt in Leipzig zu einer Protestdemonstration von Rockfans, im Funktionärsjargon „Gammleraufstand“ genannt. Das 11. Plenum des ZK der SED im Dezember 1965 wird zum Schauprozess. Nicht nur ein beinahe vollständiger DEFA-Produktionsjahrgang wird verboten, Honecker, der den Bericht zur Jugendpolitik hält, attackiert auch DT 64. Zu viel Beat und zu wenig politische Schulung, befindet er.

DT 64 wird aber nicht verboten, es dient als Ventil für die nun beständig wachsende Unzufriedenheit der Jugendlichen. Renft singt 1973 „Ketten werden knapper und brechen sowieso. Ich sing für alle, die alles wagen ...“. Ein Lied gegen die Junta in Chile. Aber die SED-Spitze fühlt sich mit angesprochen. Das dann folgende Renft-Verbot zwingt auch DT 64 zu mehr und mehr Kompromissen. Die Liste der verbotenen Titel wird länger und länger. „Mitschnittfreundlich“ bleibt eine Hauptforderung der Hörer an DT 64. Westsender haben ja so gemein abrupte Ein- und Ausblenden. Und der DDR-Jugendliche schneidet mit, was er im HO-Plattenladen nicht bekommt – also fast alles.

Im Dezember 1990 ermittelt DT-64 die Top 28 der „Dance Charts“. Auf Platz eins liegt Snap mit „The Power“ und auf Platz 28 P.M. Sampson mit „We love to love“. Von Deutschrock in der Liste keine Spur. Trotzdem übersteht DT 64 die Wende. Dann verliert der Sender fast alle seine Frequenzen. Diesmal helfen keine Hörerproteste. Seit 1993 sendet der Mitteldeutsche Rundfunk ein Nachfolge-Jugendprogramm mit Namen „Sputnik“.

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