Medien : Zu viele Köche…

Schuhbeck macht’s möglich: Münchens „Tatort“-Kommissare ermitteln im Gastro-Milieu

Katrin Hillgruber

Poesie kann laut Friedrich Schlegel nur durch Poesie kritisiert werden. Was der Münchner Meisterkoch Edgar Kaufmann in seinem Gourmet-Tempel „La Belle Vigne“ allabendlich zaubert, galt bei den Gästen bislang unangefochten als essbare Poesie. Hymnisch feierte der Gastro-Kritiker Burkhard Faber in seiner Kolumne „Aufgetischt und abgeräumt“ das hauseigene Boeuf Bourguignon oder die Hackfleisch-Bärlauch-Bällchen. Bis zu Kaufmanns verhängnisvollem fünfzigsten Geburtstag – an diesem Abend verkündet Faber (Michael Zittel) beim Festmahl im kleinen Kreis, das „La Belle Vigne“ von seiner Top-Ten-Liste der besten Restaurants gestrichen zu haben. In einem Tobsuchtsanfall probiert der Maître das neue Jagdgewehr aus, beschimpft den Jugendfreund als „Schreiberling, Hundling, Sarkast“.

Helmut Berger verleiht dem bisexuellen Starkoch Kaufmann eine so undurchsichtige Aura, dass man ihm von Anfang an alles zutraut. Seine engsten Mitarbeiter im Weinberg des guten Geschmacks wirken auch nicht allzu vertrauenerweckend.

Da sind seine sehr bestimmende Frau Ann, die das Restaurant als ihr Baby betrachtet, und der Chef de Cuisine Jaap van Halen, von seinem Chef zärtlich „mein kleiner belgischer Chicoree“ genannt; bewundernswert, wie die Schauspieler Ulli Maier und Philipp Moog in jeder Gemütslage den französischen Akzent kultivieren. Nur die aus dem serbischen Banja Luka stammende Dessertköchin und ehemalige Zirkus-Messerwerferin Milena Stepanovic (Edita Malovic) kann ihrer Muttersprache frönen, als plötzlich ein neuer grauhaariger Küchenhelfer vor ihr steht: „Ich Ivo, Zagreb, Kroatia.“

Schon zum zweiten Mal muss damit ein Münchner „Tatort“-Kommissar in die Untiefen der Gastronomie abtauchen, um undercover zwischen Salatstrünken und Saucentöpfen zu recherchieren. Vor einem Jahr ging es in der fantastisch fotografierten „Tatort“-Folge „Außer Gefecht“ um kriminelle Machenschaften im Drehrestaurant des Olympiaturms, nun löst ein kleiner Finger Panik aus: Tiefgefroren in einer Tupper-Dose gelangt das Beweisstück aus der Küche des „La Belle Vigne“ auf den Brotzeittisch des allzeit fröhlichen Ermittlertrios. Da auch Burkhard Faber verschwunden bleibt, erhärtet sich der Verdacht, dass der Finger von seiner rechten Hand stammt.

Allzu lange lässt Regisseur Peter Fratzscher die Münchner Kriminalhauptkommissare Ivo Batic (Miroslav Nemec) und Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl) sowie Oberkommissar Carlo Menzinger (Michael Fitz) aus ihrer „kulturellen Froschperspektive“ auf die einsame Gliedmaße und die faszinierende Welt der Haute Cuisine starren, wo Gemüse meistens in Wermutschaum angeboten wird und der „Business Lunch“ lächerliche 45 Euro kostet.

Allmählich wird klar, dass der Restaurantbesitzer Edgar Kaufmann sein Verhältnis zur „Gastro-Schwuchtel“ Faber keineswegs aufgegeben hat, was bei seiner Frau zu Rachegelüsten führte. Gleichzeitig vertröstet er seine Geliebte Milena, die ihrerseits mit einem impulsiven algerischen Koch verbandelt ist, auf ein besseres Leben an seiner Seite. Schließlich fällt der Verdacht auch noch auf Norbert Faber, den Bruder des vermissten Journalisten.

Ähnlich wie schon in Louis de Funès’ unerreichter Gastro-Filmkomödie „Brust oder Keule“ aus dem Jahr 1976 der französische Filmbösewicht Tricatel, zeichnet in diesem Film Norbert Faber als Inhaber einer Fabrik für Tiefkühlkost verantwortlich. Gemeinsam mit Edgar Kaufmann (für dessen Figurenzeichnung die Drehbuchautorin Carolin Otto bei Starkoch Alfons Schuhbeck hospitierte) hat er „Faber’s Feinstes“ entwickelt, Kulinarisches für Eilige mit affektiertem falschen Apostroph.

Währenddessen wird im „La Belle Vigne“ auffallend viel Hackfleisch produziert, die zum Finger gehörige Leiche findet sich aber nicht. „Kritiker in Nobelrestaurant verspeist?“, spricht eine Zeitung den üblen Verdacht aus. Fisch im Salzmantel steht auf dem Speiseplan. In Salz, muss Kommissar Ivo Batic erfahren, lassen sich nicht nur Meerestiere hervorragend konservieren.

So gerät „Der Finger“ unversehens zur rabenschwarzen Sonntagsantwort auf die Inflation der Kochsendungen.

„Tatort – Der Finger“, ARD, 20 Uhr 15

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