Medien : Zug um Zug

In „Blind Date 4: London – Moabit“ kommen sich Olli Dittrich und Anke Engelke in der Bahn näher

Thomas Gehringer

„Ich tüftele wochenlang an den Figuren. Da gibt es viele Kleinigkeiten, die auf den ersten Blick scheinbar nicht wichtig sind. Aber das muss bis zur Unterhose stimmen“, sagt Olli Dittrich, der nur „echte Menschen“ spielen will und Kleidung, Auftreten und Sprechweise seiner Figuren pedantisch plant. Die Zuschauer dürfen sich allerdings glücklich schätzen, dass sie die Unterhose von Karl- Heinz Schwerdtfeger beim „Blind Date 4: London – Moabit“ nicht zu Gesicht bekommen. Kalle – schütteres, wirres Haar, Lederjacke, Jeans und Gitarre unterm Arm – kommt gerade vom „Superstar“-Wettbewerb und verirrt sich in ein Zugabteil der 1. Klasse. Kalle aus Berlin ist so ziemlich das Gegenteil eines Superstars, trifft aber auf Caroline Waechter (Anke Engelke) – elegantes Kostüm, streng hochgesteckte Frisur, reservierter Blick. „Ich muss direkt sagen, das hier ist ein Nichtraucher“, bemerkt sie zur Begrüßung mit leichtem Akzent. Die ersten Sekunden genügen, um zu erkennen, dass hier im Zug zwischen Bonn und Bingen, beim vierten TV-Treffen von Engelke und Dittrich, Welten aufeinander prallen.

„Das ist der spannendste Moment: wenn man reinkommt. Da haben wir richtig Herzklopfen“, erklärt Dittrich. Keiner der beiden Darsteller kennt die jeweils selbst ausgedachte Figur des anderen. Es gibt deshalb auch kein Drehbuch und fertig geschriebene Dialoge, sondern nur den vorab verabredeten Ort der Begegnung. In diesem Fall einen von der Bahn AG angemieteten Zug, der tatsächlich die angegebene Strecke befuhr. Kulissen nachbauen, Szenen später noch einmal drehen, so etwas kommt für Dittrich nicht in Frage: „Das gibt’s im wahren Leben ja auch nicht.“ Somit ist „Blind Date“ Improvisation pur, die so dicht wie möglich an der Realität liegen soll. In diesem Jahr wurde dieses mutige, von Dittrich entwickelte Fernsehformat mit dem Grimme- Preis in Gold ausgezeichnet.

Das Duo Dittrich/Engelke bekommt Übung, was der Sache durchaus nicht schadet. Von Erstarrung in Routine kann keine Rede sein. „Man traut sich mehr zu. Sie fordert mich extrem heraus, und ich sie“, meint Dittrich. Da heißt es, auf überraschende Fragen eine überzeugende Antwort parat zu haben. Dittrich: „Man muss nur aufpassen, dass man nicht irgendwelche Brüder aus dem Hut zaubert, die am Anfang noch zwei Schwestern waren.“ Fehler passieren natürlich trotzdem.

Dass sein Konzept auch beim vierten Treffen insgesamt prächtig funktioniert, liegt nicht zuletzt daran, dass Dittrich mit Anke Engelke eine kongeniale Partnerin hat. Caroline Waechter, die aus einer reichen englischen Hoteldynastie stammt, kommt im Vergleich zum proletarisch-polternden Kalle deutlich seltener zu Wort. Dafür sprechen ihre Blicke Bände.

Man kann „Blind Date 4“ durchaus als aktuellen Kommentar zu gewissen Fernseh-Eskapaden verstehen. Kalle erinnert stark an jene „Superstar“-Kandidaten aus der ersten Bewerbungsrunde, deren talentfreier Vortrag von RTL genüsslich präsentiert worden war. Olli Dittrich kennt „solche Typen halt auch“. Bevor er vor zehn Jahren bei „RTL Samstag Nacht“ zum Comedy-Star wurde, war er Theatermaler und Musiker und musste als Manager einer Plattenfirma die Dorfjugend-Auftritte bei diversen Talentwettbewerben überstehen. „Es gibt schon Parallelwelten“, seufzt er. Sein Kalle durfte beim „Superstar“-Casting gar nicht erst singen. Er sei zu alt. Als „Blind Date 4“ gedreht wurde, stand angeblich noch nicht fest, dass der Sender mit „Die Deutsche Stimme 2003“ dem Trend der Castingshows nachlaufen wollte. Nun kommt Olli Dittrichs Warnung zu spät. Das Format startet am 18. September. Sicher mit dabei: die Kalles dieser Welt.

„Blind Date: London – Moabit“, ZDF, Sonntag 22 Uhr.

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