Zukunft des Menschen, der Mensch der Zukunft : Evolution Blues

Einheitstypen, Supermenschen, unsterblich? Arte zeigt Tom Theunissens anregenden Doku-Essay „Der Mensch von morgen“.

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Die Evolution hat Mensch und Orang-Utan aus gemeinsamen Vorfahren entstehen lassen. Ist die biologische Entwicklung des Homo sapiens nun zu Ende?
Die Evolution hat Mensch und Orang-Utan aus gemeinsamen Vorfahren entstehen lassen. Ist die biologische Entwicklung des Homo...Foto: SWR

Hier erst mal eine kurze Übersicht. Es treten auf: Fellchen aus dem Hallwiler See, ein malender Orang-Utan, der keine Überwachungskameras mag, sechs Wissenschaftler (fünf Männchen, ein Weibchen), der Gründer eines Unternehmens, das nur Autisten einstellt, und ein Taxifahrer. Außerdem: ein Schach spielender Roboter, die „Simpsons“ sowie Graham, der aussieht wie ein Geschöpf Frankensteins, aber aus einer australischen Verkehrssicherheitskampagne stammt.

Der unförmige Graham ist so geformt, dass er tatsächlich gute Chancen hat, einen Autounfall zu überstehen – das zweckmäßige Modell eines zukünftigen Menschen also, rein digital bisher. Sich selbst zu optimieren, der Evolution auf den Sprung zu helfen, diese Vision des Menschen rückt zweifellos näher, zum Beispiel dank der Reproduktionsmedizin. Es muss ja nicht unbedingt das Modell Graham sein.

„Werden wir Einheitstypen, Supermenschen, unsterblich – oder wenigstens fast?“, fragt Autor Tom Theunissen zu Beginn seines Doku-Essays „Der Mensch von morgen“, der von Friedrich Küppersbuschs Firma Probono für Arte und den SWR produziert wurde.

In gut 50 Minuten klappert Theunissen auf einer abwechslungsreichen, anregenden, manchmal tragikomischen Reise zum Thema Evolution verschiedene Schauplätze ab. Um einen „zoologischen Blick“ auf seine Weggenossen zu werfen, wie er sagt. Theunissen hatte sich mit satirischen Kurzfilmen während großer Sportereignisse einen Namen gemacht, ist Autor von Dokumentationen zu popkulturellen Themen und gewann 2016 seinen zweiten Grimme-Preis als Ko-Autor und Regisseur von „Schorsch Aigner“, Olli Dittrichs Beckenbauer-Doppelgänger-Solo.

Was macht attraktiv für die Fortpflanzung?

Statt wie in einer nüchternen Wissenschaftsreportage aktuelle Forschungsergebnisse zu präsentieren, mäandert Theunissen scheinbar ziellos über ein weites Feld an existenziellen Fragen: Was macht attraktiv für die Fortpflanzung? Machen Krankheiten die Menschheit stärker? Ist das Streben nach Unsterblichkeit sinnvoll? Namhafte Wissenschaftler wie Jean-Jacques Hublin, Leiter des Leipziger Max-Planck-Instituts für Evolutionäre Anthropologie, und der KI-Forscher Jürgen Schmidhuber kommen zu Wort. Dank der Künstlichen Intelligenz sieht Schmidhuber die Menschheit, nein, das ganze Universum auf dem Weg hin zu einer höheren Komplexität, „vergleichbar mit der Erfindung des Lebens vor 3,5 Milliarden Jahren“.

Für Theunissen klingt eine solche Vision nach Tragödie: „Der Mensch schafft etwas, das schlau genug ist, ihn hinter sich zu lassen.“ Der Autor tritt als Kommentator aus dem Off in Erscheinung, nicht dozierend, das Publikum nicht mit Detailinformationen überfordernd, dennoch kenntnisreich, auch mal bissig und ironisch. Dieser gehobene Plauderton wird begleitet von einem schnell geschnittenen Bilderstrom und unterbrochen von kurzen Auftritten des Liedermachers Tom Liwa, der auf seiner Gitarre den „Evolution Blues“ anstimmt, oder in „Dope lügt“ textet: „Ich will nicht sterben und nicht erwachsen werden.“

Die Musik bietet eine willkommene Atempause und passt zu dem assoziativen Zugang des Films, der im Detail allerdings etwas wolkig bleibt. Ob die Geschöpfe der Künstlichen Intelligenz tatsächlich das Zeug dazu haben, den Menschen „hinter sich zu lassen“, bleibt eine steile, nicht näher untersuchte These.

Deplatzierte Bilder

Einigermaßen heil kommt der Autor aus dem Umgang mit den finsteren Aspekten des Evolutionsthemas heraus. Nachdem der Anthropologe Hublin darauf hingewiesen hat, dass es keinen einfachen Zusammenhang zwischen einem Gen und einem bestimmten Merkmal des Menschen gebe, erinnert Theunissen mit Bildern vom Berliner Holocaust-Mahnmal an den Rassen- und Selektionswahn der Vergangenheit.

Besser verzichtet hätte er dagegen auf einige der Bilder von an Ebola erkrankten Kindern in Afrika. In einer Szene windet sich ein Mädchen auf ihrem Krankenbett, Tom Theunissens Hang zur Lässigkeit („das ist hart“) wirkt da deplatziert. Thomas Gehringer

„Der Mensch von morgen“, Arte, Samstag, 22 Uhr

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