Zukunfts-Doku : Die Savanne in Südfrankreich

Der ZDF-Film „2075 – Verbrannte Erde“ zeigt das Leben mit der Klimakatastrophe. Die Vorlage liefert ein Nobelpreisträger: Der Weltklimarat.

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In Marokko ist die Flucht der meisten Afrikaner vor der Dürre zu Ende. Nur wer Europa von Nutzen ist, erhält eine Passage mit dem Mittelmeer-Express, die übrigen kommen in die gut bewachten Lager. Foto: ZDF
In Marokko ist die Flucht der meisten Afrikaner vor der Dürre zu Ende. Nur wer Europa von Nutzen ist, erhält eine Passage mit dem...

Der Friedensnobelpreis hat eine enorme politische Bedeutung. 2007 zeichnete das Nobelpreiskomitee den UN-Klimarat wegen seines umweltpolitischen Engagements aus, zusammen mit dem ehemaligen US-Vizepräsidenten Al Gore. Die allgemein als Weltklimarat bekannte Einrichtung beurteilt die Risiken der globalen Erwärmung und sucht nach Strategien, wie sich die Menschheit den veränderten Lebensbedingungen anpassen kann. Wie drastisch die Veränderungen für alle Regionen und Kontinente ausfallen können, zeigt das Zukunftsszenario „2075 – Verbrannte Erde“, das am Mittwoch als deutsch-französisch-kanadische Koproduktion im ZDF gezeigt wird.

Szene eins: Die Warnung erreicht Julie Peyrefitte mitten bei der Traubenlese. Per Holo-Handy erfährt die Weinbauerin aus Südfrankreich vom bevorstehenden Angriff einer Heuschreckenarmada. Doch die Zeit reicht nicht aus, um die elektronische Abwehranlage einzuschalten. Bevor sich der akustische Schutzwall aufgebaut hat, wird es schwarz im traditionsreichen Weinberg nahe Bordeaux. Die Ernte ist verloren. Für immer, denn im Jahr 2075 ähnelt Südfrankreich eher der Savanne denn einem Weinbaugebiet. Über Jahrzehnte wurden die Warnungen der Experten ignoriert. Zwar steigt die durchschnittliche Temperatur nur um vier Grad, für die weltweit zehn Milliarden Menschen ist dies dennoch eine Katastrophe.

Die französischen Dokumentarfilmspezialisten von Capa haben die wissenschaftlichen Hochrechnungen des Weltklimarats geschickt kombiniert mit den Schicksalen von vier Menschen. Während Weinbauerin Julie die letzten Rebstöcke verbrennt, um künftig Orangen anzubauen, verlässt der afrikanische Junge Idri sein Dorf Richtung Europa, weil das vertrocknete Land ihm keine Zukunftsperspektiven mehr bietet. Doch Europa nimmt nur die Flüchtlinge auf, die ihm nützlich sind. In Hamburg, von Dauerregen und Überschwemmungen heimgesucht, kämpft die schwangere Lotte Meister für eine weltweite Charta zum Schutz der letzten lebenden Tierarten, nachdem Gorillas, Wale, Robben, Elefanten und viele andere Spezies schon vor Jahrzehnten ausgestorben sind. Und in Kanada hat sich die berühmte Umweltaktivistin Grace Lajoie desillusioniert in die Wildnis verkrochen, weil sie die Hoffnung längst aufgegeben hat. Bis sie erfährt, dass ein letzter Eisbär im Packeis gesichtet wurde und sie sich sofort auf den Weg macht.

„2075“ ist eine gekonnte Mischung aus Hightech-Zukunftsfortschreibung und faszinierenden Naturbildern. Der Film zeigt die Schönheiten der Welt, wie wir sie kennen, die aber nur erhalten werden kann, wenn die Erkenntnisse der Wissenschaftler beherzigt werden. „2075“ ist kein düsteres Horrorszenario, im Gegenteil. Die Menschen sind adrett gekleidet, sie bewegen sich in einer offenen, modernen Architektur, es werden neueste Technologien eingesetzt. Als Unterhaltungsfilm ist „2075“ nicht konzipiert, trotz der Spielszenen handelt es sich um keinen Umweltschocker wie „The Day after tomorrow“. „2075“ ist um Ausgleich bemüht. Im Sinne des Weltklimarates wird gezeigt, welche Alternativen die Menschheit hat. Wie der Energiebedarf mit riesigen Sonnenkollektoren in Afrika und anderen regenerativen Energiequellen gedeckt werden kann. Wie der motorisierte Individualverkehr aus den Städten verbannt wird und die Energiebilanz von Gebäuden durch die Begrünung der Außenfassaden verbessert wird. Auf vieles werden die Menschen verzichten müssen, nicht zuletzt auf Fernreisen. Wenn Flüge stattfinden, dann mit wasserstoffbetriebenen Cargo-Liftern. Die Botschaft ist klar: Der Klimawandel lässt sich nicht aufhalten, aber so verlangsamen, dass die Menschheit lernen kann, mit den Folgen zu leben.

Auf France 2 lief der Film unter dem Titel „Les Temps Changent“ im Februar 2009 für eine Dokumentation äußerst erfolgreich; 3,6 Millionen Franzosen (Marktanteil 14 Prozent) schalteten ein. ZDF-Redakteur Jens Monath hofft nun, dass der Film das interessierte Publikum in Deutschland ebenfalls erreicht – trotz später Programmierung.

„2075 – Verbrannte Erde“, 23 Uhr 30, ZDF

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