Zum Tod von Jürgen Leinemann : Der Unbestechliche

Jürgen Leinemann hat mehr als drei Jahrzehnte für den "Spiegel" geschrieben. Seine Porträts waren voller Emphase und Präzision. Sein letztes Buch handelte von ihm selbst und seiner Krebserkrankung, die ihn nun besiegt hat.

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Jürgen Leinemann. Foto: dpa
Jürgen Leinemann.Foto: dpa

Es war Weihnachten, seit einigen Jahren verbringen wir Heiligabend miteinander. Freunde, Kollegen, ehemalige Kollegen, und nachdem Jürgen Leinemann mit seiner Frau die kleine Gesellschaft verlassen hatte, sagte einer der Freunde sehr langsam und sehr leise: „Ich fürchte, dass wir in dieser Zusammensetzung nicht mehr feiern werden.“ Er hatte dabei Tränen in den Augen, und die anderen am Tisch hatten sie auch.

Da war Jürgen Leinemann schon schwer gezeichnet von seinen Krankheiten, dem Zungengrund-Karzinom. Der Krebs hatte ihn 2007 überfallen. Es war das Schlimmste für Jürgen Leinemann, dass ihm geraubt wurde, was ihn ausmachte: Seine Sprache. Jürgen konnte schreiben wie kein Zweiter, Jürgen konnte auch reden wie kein Zweiter. Jetzt presste er die Worte unter größten Anstrengungen heraus, aber sie waren für die Freunde nicht mehr zu verstehen.

Jürgen Leinemann, der große politische Reporter des „Spiegel“, für den er von 1971 bis 2007 in Washington, Bonn und Berlin gearbeitet hat, meistens als Autor, einer, der Porträts geschrieben hat voller Emphase und Präzision, ein Beobachter, ein Menschenbeschreiber, der sich nicht mehr ausdrücken kann mit dem gesprochenen Wort – das ist so heimtückisch.
Jürgen Leinemann hat Machtmenschen beschrieben, hat sie ernst genommen, wie er alle Menschen ernst nahm. Und er war absolut unkorrumpierbar.

Dass er von Helmut Kohl bei Auslandsreisen von der Liste der mitreisenden Journalisten gestrichen wurde, belegt, dass Jürgen Leinemann auch als Journalist Haltung bezog. Immerhin trat Kohl dann als Laudator auf bei Leinemanns Biografie über Sepp Herberger. Und Jürgen Leinemann war mutig und ehrlich, auch gegen sich selbst. Jürgen war Alkoholiker, hatte seine Sucht aber unter Kontrolle und sie in einem Buch öffentlich gemacht. Wie er am Ende auch seine Krankheit in einem Buch beschrieben hat: „Das Leben ist der Ernstfall“.

Auch seine Reportagen und Porträts enthielten seine Sichtweisen, „Nie darf ein Zweifel daran bestehen, dass ich als Reporter verantwortlich bin für die Realität, die ich mit meiner Geschichte schaffe. Keinen Augenblick behaupte ich: So ist es. Ich sage nur, so sehe ich es“, schrieb er über seine Arbeit. Objektiven Journalismus gebe es nicht, den anzunehmen sei „naiv und eine heuchlerische Mär“.

Eine Zeitlang waren wir gemeinsam im gleichen Magazin. Man konnte von Jürgen Leinemann auch viel über Journalismus lernen, ich habe es getan.
Jürgen Leinemann war klar bis in den Tod. Im Krankenhaus verabschiedete er sich in der Nacht zum Sonntag von seiner Frau und der Tochter. Dann verstarb er im Alter von 76 Jahren in den Armen seiner Frau.

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