Zum ZDF-Presseportal : Eine Wutrede gegen Marketingsprache

Ist es zu viel verlangt, Sätze zu schreiben, die normale Leser ohne Marketinghandbücher verstehen können? Ein Rant gegen bad Usability.

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Auch das ZDF greift auf seiner Webseite gerne mal auf Marketingsprache zurück.
Auch das ZDF greift auf seiner Webseite gerne mal auf Marketingsprache zurück.Foto: dpa

Ach, die Sache mit der Lügenpresse. So irre diese Theorien und Attacken auch sind: Könnte es sein, dass der normale Wutbürger manchmal einfach nicht mehr versteht, wovon in der Presse überhaupt noch die Rede ist? Weil ihm statt verständlicher Sätze einfach irgendein Kauderwelsch um die Ohren gehauen wird?

Ich komme darauf, weil ich gerade gelesen habe, wie das ZDF in seinem offiziellen Presseportal die Verschmelzung von ZDF.de und ZDFmediathek erläutert. Nämlich so: „Mit neuem Design, verbesserter Usability und modernerem Look and Feel – der aktuelle Relaunch sticht dem User sofort ins Auge.“

Unterstellen wir mal zugunsten des Senders, dass dieses holpernde und stolpernde Sprachmonster keine journalistische Leistung ist, sondern direkt aus der Marketingabteilung auf die Seite erbrochen wurde. Doch selbst dann: Muss nicht der Chefredakteur oder wenigstens irgendein Chef vom Dienst mal drübergehen und gucken, was sein teurer Öffi-Sender den Kollegen da zum Veröffentlichen hinschmeißt? Die Wahrheit ist vermutlich, dass Journalisten mit Gremienverpflichtungen längst selbst so reden und sich am Sprachquark nicht weniger ergötzen als die, die ihn angerührt haben.

Sale ist nun mal praktischer als "Winterschlussverkauf"

Um das klarzustellen: Ich sehe in der zunehmenden Verbreitung englischer Vokabeln in der deutschen Sprache nicht den Untergang des Abendlandes heraufdämmern, und wenn die Leute vom Kaufhaus „Sale“ nun mal praktischer finden als „Winterschlussverkauf“, dann sollen sie. Und wenn dann rechte Parteien daraus auch noch deutschtümelnde Forderungen ableiten, bin ich schon aus Prinzip für möglichst viele nützliche Anglizismen.

Aber bitte nicht so. Ist es denn zu viel verlangt, Sätze zu schreiben, die ein normaler Leser – Journalisten sind auch welche – ohne Hilfe von Marketinghandbüchern verstehen kann? Was geht in einem ZDF-Mitarbeiter vor, der, im Absatz weiter unten, von der „performanten Suche“ schwätzt, zu der die neue Mediathek angeblich fähig sei? Diese Kunstsprache hat zwar hochmodernes Look und Feel und wird von den Movern und Shakern der Republik flüssig und ohne Nachdenken eingesetzt, aber ihre Usability ist einfach, tut mir leid, Leute: Scheiße.

Es ist mit diesem Gerede wie mit dem gewaltigen Rad, das das Pfauenmännchen bei der Balz schlägt. Nur hat er dafür auch nachvollziehbare Motive – ganz im Gegensatz zum ZDF.

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