Medien : Zurück an die Uni

„Cicero“-Chefredakteur Wolfram Weimer bewirbt sich für C4-Professur an der FU Berlin

Ulrike Simon

Etwas Beklemmendes lösen die düsteren Räume des Instituts für Publizistik an der FU Berlin aus. Lachend betritt Wolfram Weimer in Begleitung seiner Frau den Hörsaal L 129. Der Hörsaal erinnert an ein Klassenzimmer der 70er Jahre, in dem seither nichts verändert wurde. Weimer setzt sich an die Kopfseite der in Hufeisenform angeordneten Tische. Die gescheitelten Haare sind etwas länger geworden, seitdem er Chefredakteur von „Cicero“ ist, dem „mit Abstand größten Intellektuellenmagazin in Deutschland“, wie er später sagen wird. Ein paar Zehntausend verkauft das Blatt. Wie viel genau, weiß man nicht; viele werden kostenlos unter die Leute gebracht.

Um Weimer herum nehmen die 13 Mitglieder der Berufungskommission Platz. Es ist Donnerstag, halb zehn. Fünf Kandidaten bewerben sich für die C4-Stelle als „Professor für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft mit dem Schwerpunkt Kommunikations- und Medienpraxis“. Zwei Wissenschaftlerinnen der Universitäten Wien und Bochum und zwei Professoren der Hochschulen von Dresden und Missouri werden im Laufe des Tages noch ihre Bewerbungsvorlesungen halten. Den Anfang macht Wolfram Weimer, 40, früher Korrespondent der „FAZ“, dann Chefredakteur der „Welt“ und seit der Gründung vor einem Jahr Chefredakteur der Zeitschrift „Cicero“. Weimer promovierte 1991 mit einer Arbeit über die Geschichte der ersten Geschäftsbank in den USA zum Dr. phil. Als Bewerber für die Professur hat ihn FU-Präsident Dieter Lenzen ins Spiel gebracht. Lenzen gehört zum Autorenkreis von „Cicero“.

25 Minuten Zeit hat Weimer, die Kommission von seiner Befähigung für die C4-Professur zu überzeugen. Sein Vortrag hat den Titel „Zeitungskrise und Qualitätsjournalismus: Strukturbrüche der jüngeren Medienpraxis“. Es sind 25 Minuten, in denen Weimer von seinen Begegnungen mit Arafat, Westerwelle, Stoiber oder Schily erzählt und davon, wie sie das Gespräch mit ihm suchten. Immer wieder benutzt er den Begriff „Elite“. In diesen 25 Minuten analysiert Weimer zudem, warum er glaubt, dass die Medien mittlerweile mehr politischen Einfluss haben als die politische Elite. Er spricht von der „Beschleunigung der Mediatisierung“ und sagt, dass erfolgreiche Politiker genau wüssten, wie sie in der Mediendemokratie durch geschicktes Inszenieren Zeitungen und Kameras zum eigenen Vorteil einsetzen. Schließlich behauptet er, dass Zeitungen ihre Funktion als „Deutungshochburg“ ans Fernsehen verloren hätten. Mit den einhergehenden Auflagen- und Anzeigenverlusten hätten sie zudem an journalistischer Qualität verloren. Die Tendenz zu Nutzwert- und Boulevardthemen habe zu einer „unerträglichen Infantilisierung der Medien und der journalistischen Inhalte“ geführt. Mit Einführung der Tabloids schreite die „inhaltliche Verflachung“ voran.

„Ich habe einen Kontrapunkt gesetzt“, schloss Weimer, ohne den Verlag, Ringier, auch nur zu erwähnen. „Ich habe ,Cicero’ gegründet“, ein Blatt, mit dem „ich gegen alle Mode- und Managementregeln verstoßen“ habe. „Was mich motiviert hat, ,Cicero’ zu gründen“, sagte Weimer, „war der Qualitätsimpuls“. Er wolle „Brücken bauen zwischen Politik, Wirtschaft und der Universität“, wolle seine „Kontakte und Erfahrungen nutzbar machen“. Daher bitte er um die Unterstützung der Kommission. Wissenschaftliche Aktivitäten zu entwickeln, stellte Weimer in der anschließenden Diskussion klar, sei nicht sein Impetus. „Ich bin von meiner ganzen Biografie und intellektuellen Konstitution her Medienpraktiker“.

Es sei kein Problem, die C4-Professur mit seiner Aufgabe bei „Cicero“ zu verbinden, sagte Weimer hinterher. In der Schweiz oder den USA sei so etwas üblich. Vielleicht könne er die Studenten sogar für „Cicero“ gewinnen. Weimers Frau pflichtete bei, bei der „Welt“ habe er schließlich sieben Tage die Woche gearbeitet und „Cicero“ sei ein Monatsmagazin. Weimer habe „die intellektuelle Kraft“ für beides. Die Studenten würden mit ihm einen Praktiker als Professor bekommen, wie man ihn sich nur wünschen könne.

Die Kommission fällt ihre Entscheidung in ein paar Monaten. Die C4-Stelle soll im Wintersemester besetzt sein.

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