Zurück in die Zukunft : Retter der Nation

Netz-Piraten bieten gelöschte Online-Angebote von tagesschau.de an. Der NDR droht mit Klage.

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Halb fielen sie, halb sanken sie hin – an diesen schönen Satz muss denken, wer sich anschaut, was aus gigabyteschweren öffentlich-rechtlichen Internetangeboten in den letzten Wochen und Monaten geworden ist. Komplette Themenarchive auf tagesschau.de zum Beispiel sind weg, vollends gelöscht, im Rahmen des sogenannten Drei-Stufen-Tests, der die Legitimität öffentlich-rechtlicher und damit gebührenfinanzierter Online-Angebote sicherstellen soll. Ein von vielen kritisiertes Verfahrensmonster, das einen weiteren großen Aufreger, mithin eine Debatte über Medienpolitik und Informationsfreiheit beschert hat.

Was passiert ist: Der anonymen Plattform depub.org ist es gelungen, das vor kurzem großflächig gelöschte Archiv von tagesschau.de als Online-Version wieder zur Verfügung zur stellen. Das sind rund 200 000 Meldungen aus den letzten elf Jahren tagesschau.de: Tschetschenien, Afghanistan, Nahostkonflikt, Terrorismus, Irak, Obama, ganze Stoffsammlungen, Nachrichten, die der öffentlich-rechtliche Sender in mühevoller Kleinarbeit aus dem Netz zu nehmen hatte, gemäß der Vorgaben im zwölften Rundfunkänderungsstaatsvertrag.

Eben jener Drei-Stufen-Test ist den Netz-Piraten von depub.org ziemlich egal. Nach eigener Aussage will depub.org die depublizierten, also gelöschten Inhalte von tagesschau.de für die Nachwelt retten. Depub.org schreibt auf seiner Website: „Wir sind uns bewusst, dass die Urheber- und Nutzungsrechte für die Artikel und für die Mediatheken beim jeweiligen Autor beziehungsweise bei tagesschau.de liegen. Für uns ist die freie Verfügbarkeit gebührenfinanzierter Inhalte allerdings wichtiger.“ Laut Interview mit Zeit online will depub.org alle öffentlich-rechtlichen Plattformen „absaugen“. „Leider haben wir dieses Depublizieren zunächst verschlafen. Hätten wir früher reagiert, hätten wir die Artikel von allen öffentlich-rechtlichen Nachrichtenseiten selbst speichern können und wären heute weiter“, wird ein Sprecher zitiert. Der eigene Anteil an den bisherigen Veröffentlichungen sei eher gering. „Die Daten aufzubereiten hat uns einige Nächte gekostet. Das Risiko ist aber der Redaktionsmitarbeiter von tagesschau.de eingegangen, der mit dem Exportieren der Daten eventuell sogar seinen Job gefährdet hat.“ Unabhängig davon bereite man aktuell Textarchive für folgende Seiten vor: br-online.de, hr-online.de, mdr.de, ndr.de, rbb-online, radiobremen.de, swr.de, wdr.de und heute.de. Auch die Sicherung der öffentlich-rechtlichen Mediatheken sei geplant. Der Aufwand und der Widerstand würden da ungleich größer sein.

Daran hatten die Konstrukteure des zwölften Rundfunkänderungsstaatsvertrags nicht gedacht: Eigentlich sollten bestimmte Inhalte der Rundfunkanstalten nach sieben Tagen nach der Sendung nicht mehr zum Abruf bereit stehen – um die Angebote der publizistischen Wettbewerber (Verleger, Privatsender) im Netz nicht zu gefährden. Nun stehen diese Inhalte im Internet eine Ecke weiter.

Der Norddeutsche Rundfunk (NDR) hat angekündigt, mit „allen juristischen Mitteln“ dagegen vorzugehen, soweit möglich. Bei depub.org handele es sich um eine in Kanada registrierte Domain, der Verfasser ist anonym, sagte Jörg Sadrozinski, Redaktionsleiter von tagesschau.de, am Donnerstag dem Tagesspiegel. Erfahrungen in der Vergangenheit hätten gezeigt, dass es schwierig ist, Verantwortliche für solche Websites zu ermitteln. „Sollten wir konkrete Hinweise auf den Verfasser erhalten, würden wir gegen depub.org vorgehen.“ Bis dahin werden weitere Inhalte gelöscht und woanders wieder auftauchen. Markus Ehrenberg

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