Medien : "zus.": Die Revolution ist Zäh

Heinz Siebold

Als "Gelbfüßler" werden die Badener auswärts gern verspottet. Für die Freiburger könnte demnächst der "Gelbkärtler" als Spitzname hinzukommen, zumindest dann, wenn sie Abonnenten der ab heute erscheinenden neuen Tageszeitung "zus." aus dem Michael-Zäh-Verlag sind. Nach der Gründung der "taz" vor mehr als zwei Jahrzehnten und der "Financial Times" vor einem Jahr wagt es wieder ein Verleger, eine neue Tageszeitung auf dem Markt zu positionieren und das auch noch gegen einen Monopolisten, in diesem Fall die "Badische Zeitung. Mit großem Aufwand warb Verleger Zäh in den letzten Monaten mit einer "Yellow-Card", die nicht nur ein Jahresabonnement der Zeitung beinhaltet, sondern auch allerhand "Freundschaftsware". Gestartet ist die "Yellow-Card" mit 299, jetzt kostet sie 449 Mark. Zum Vergleich: Ein Abo der Badischen Zeitung (Einzelpreis: 1 Mark 90) kostet im Jahr 470 Mark, ohne Zugaben.

Die gelbe "Freundschaftsware" soll nach Verlagsangaben 250 bis 280 Mark wert sein. Das können sechs Gratisessen in einem In-Lokal in Freiburgs rot-grünem Nobelviertel Wiehre sein oder eine Zehnerkarte in einem Badenweiler Thermalbad. Auch eine Armbanduhr, ein Gebinde italienischer Weine oder edle Bettwäsche (nicht gelb, sondern naturfarben) werden angeboten. Der Besitzer der Gelben Karte hat die Möglichkeit, sechs Tage im Jahr ein Auto aus dem Fahrzeugbestand des Verlages oder - ganz und gar öko - an 52 Tagen ein Fahrrad auszuleihen. Wirkliche Ausgaben für die gelben Güter hat Verleger Zäh nicht, denn die Spender werden mit Gratis-Anzeigen entschädigt.

Der Verlockung, im besten Fall mit rund 300 Mark eine Tageszeitung, garniert mit 250 Mark geldwerter Gegenleistung, zu erwerben, sind angeblich schon 6000 Freiburger erlegen - täglich würden es mehr. Innerhalb der nächsten drei Jahre sollen es 15 000 Abonnenten werden. Ob das reicht, um die Zeitung in trockene Tücher zu bringen, bezweifeln Skeptiker indes. Sie verweisen darauf, dass sich bisher keines der Zäh-Projekte finanziell rentiert hat. Zähs erstes Produkt, das intellektuelle Fußballmagazin "Hattrick", ist in der Versenkung verschwunden. Ursprünglich hatte der 42-jährige Jungverleger seine "Zeitung zum Sonntag" (ZuS) und im Frühjahr zusätzlich zwei Ausgaben einer "Zeitung zum Abend" an zwei Wochentagen großflächig gratis verteilt, und dabei sollte es auch bleiben. Doch das Geschäft auf dem hart umkämpften Anzeigenmarkt brachte offensichtlich nicht genug ein. Nur weil der ursprünglich beteiligte Verlag Gruner + Jahr den Juniorpartner zum Abschied vor über einem Jahr mit circa zehn Millionen Mark entschuldet hatte, konnte der Zäh-Verlag überleben. Im Sommer kündigte Michael Zäh dann überraschend eine Tageszeitung im Abonnement an. Die weiterhin kostenlos am Sonntag erscheinende "ZuS" schreibt allerdings laut Zäh schon schwarze Zahlen. Runde zwei Millionen Mark hatte Zäh mit seiner Aktiengesellschaft im Juli an der Stuttgarter Börse eingesammelt, doch mittlerweile ist das Papier von 5,2 auf 2,6 Euro abgestürzt. Der Emmissionserlös ist vermutlich in die Deckung von Verlusten der mittlerweile eingestellten Abendzeitungen und in die "Yellow-Card"-Werbekampagne geflossen. Der Verlag braucht also wieder einen Geldgeber. Den habe er, sagt Zäh, ohne den Namen preiszugeben.

Gedruckt werden die Zäh-Blätter jetzt in der Nachbarschaft vom Offenburger Drucker und Verleger Peter Reiff, nicht mehr wie frühervon der "Basler Zeitung". Insider vermuten, dass Verleger Reiff den Fuß auf den Freiburger Medienmarkt setzen möchte, weil die "Badische Zeitung" (148 000 Abonnenten bei insgesamt 164 000 verkauften Exemplaren) ihn vor der eigenen Haustür ärgert. Die "Badische" gibt sich gelassen. Herausgeber und Geschäftsführer Wolfgang Poppen: "Wir gehen unseren Weg und feilen an unserer Qualitätszeitung". Dass Zäh auf Dauer immer einen Geldgeber findet, der sein Defizit trägt, glaubt Poppen nicht. Mit der neuen Tageszeitung werden neue Verluste eingefahren: Im günstigsten Fall 3,8 Millionen, im schlechtesten Falle acht Millionen im Jahr, sagt Zäh dem Tagesspiegel. Doch im Optimismus ist der Ex-Fußballer und Magister nicht zu schlagen. "Die Zeit ist reif" für den Kampf gegen den ortsansässigen Monopolisten, glaubt Zäh, hält sich jedoch eine Hintertür offen: "Wir können es heute nur erahnen, ob unser dreister Versuch, eine neue regionale Tageszeitung zu gründen, von Erfolg gekrönt sein wird. Es wird davon abhängen, wie die Leserschaft votiert."

Vom Image des kleinen guten antimonopolistischen David gegen den großen bösen Goliath "Badische Zeitung" lebt Cadillac-Fahrer Zäh, seit er mit der "Zeitung zum Sonntag" gestartet ist - auch, wenn er kokett Titulierungen wie "Zeitungspirat" oder "Schimanski der Zeitungsbranche" als "unzulässige Personalisierungen" abwehrt. Zäh lebt von der Unzufriedenheit aller, die aus den unterschiedlichsten politischen, persönlichen oder ästhetischen Gründen irgend etwas gegen Verleger, Chefredakteur, Mitarbeiter oder das Papier der "Badischen Zeitung" haben. Ob das auf Dauer reicht, wird sich zeigen.

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