Zuschauers Liebling : "Tatort" oder Treue bis in den Tod

"Tatort"-Kommissare fragen: "Wo waren Sie gestern zwischen 20 Uhr 15 und 21 Uhr 45?" Wer sagen kann, er habe den "Tatort" gesehen – Bingo. Wer nicht – höchst verdächtig.

Joachim Huber

Es ist fies, es hat Effekt. Ruf doch mal in deutschen Haushalten am Sonntag so gegen 20 Uhr 30 an, oder auch um 21 Uhr 44. Da hat der „Tatort“ begonnen, da ist der Mörder eingekreist. Wer zu stören wagt, der hat beste Aussichten, irgendwo, aber tot überm Zaun zu hängen.

Was mal die „Tagesschau“ war, das ist heute der Krimi am Sonntag um 20 Uhr 15 im Ersten. Der „Sandmann“ für die Erwachsenen, eine conditio sine qua non am toten Punkt des Wochenendes, der heimlich weiß, dass er schon der Wochenstart ist. Resterholung und innere Sammlung für nächste Woche, für jene Zukunft, von denen in Retro-Deutschland keiner weiß, was sie genau bringt; wenig Gutes, das steht fest.

Es wird zu Hause geblieben, die Türe fest verschlossen, der Daumen drückt die Eins auf der Fernbedienung. Emblematisch nehmen zwei Augen, die in kein Gesicht hören, den Zuschauer fest in den Blick. Spannung, Schaudern, „Tatort“. Und kein Schwächeln in Sicht. Seit dem 29. November 1970, seit mehr als 700 Folgen ist diese Krimireihe über die Maßen erfolgreich. Allein in diesem Oktober Rekord um Rekord: 4. Oktober 9,52 Millionen, 11. Oktober 8,90 Millionen, 25. Oktober 9,80 Millionen, 1. November 8,22 Millionen. Die Fälle sind besser, schlechter, dünn wie gerade der vom RBB, weniger Krimi als Zweierbeziehung (Münster/WDR), zuweilen ein Glasperlenspiel, fast immer ein Puzzle, das in der letzten Sekunde und zur Überraschung des Publikums so und nicht anders aufgeht. Mitraten ist mehr verlangt als Mitdenken (das erledigt schon der Kommissar).

Zweierlei ist der „Tatort“: ein Panorama Deutschlands und ein Spiegelbild der Regionen. 15 „Tatort“-Teams fahnden zu Wasser und zu Land, in Klein- und Großstadt, es ist das große Vermögen der Macher, wie sehr der „Tatort“ Probleme und Verwerfungen hierzulande aufnimmt. Gewollt sind Gesellschaftsfilme, die sich als Krimis verkleiden. Selbst die Mörder sind Nebenans.Und die Damen und Herren Kommissare? Unterschiedlich, oft unglücklich, gewöhnliche Leute, John McClanes Klone („Stirb langsam“) agieren bei RTL. Die Schauplätze werfen Kolorit ab, gerne werden in den Nebenrollen Dialekt und Soziolekt gepflegt. „,Tatort’ is notably German“, urteilt Michael Kimmelmann in der amerikanischen „International Herald Tribune“ über das „German Fernsehwunder“.

Der Zuschauer ist so merkwürdig wie der Bundesliga-Fan. Beide lieben den Sport/das Genre, keineswegs lieben sie alle Klubs/Fahnder. Was sie alle eint: Ein schwaches Spiel/ein schwacher Krimi ruiniert die Liebe nicht, denn in einer Woche ist wieder Anpfiff, um 20 Uhr 15. Treue bis in den Tod.

„Tatort“-Kommissare fragen: „Wo waren Sie gestern zwischen 20 Uhr 15 und 21 Uhr 45?“ Wer sagen kann, er habe den „Tatort“ gesehen – Bingo. Wer nicht – höchst verdächtig. Weil aber so viele „Tatort“ sehen, gibt es in Deutschland erstaunlich wenige Mörder. Großer Quatsch? Wieder Kimmelman, diesmal übersetzt: „Bei einer Bevölkerung von 82 Millionen hatte Deutschland 864 Morde in 2007; in den USA gab es im gleichen Jahr rund 17 000 Mörder bei einer Bevölkerung, nicht ganz vier Mal so groß.“ In der Zeit, in der der Amerikaner Amerikaner totschießt, schaut der Deutsche „Tatort“.

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