Medien : Zwangs-Voyeure

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Tom Peuckert verrät, was

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Kaufen ist viel amerikanischer als Denken, hat Andy Warhol gesagt. Er selbst sei ein guter Amerikaner. Einer, der gern kaufe und auch regelmäßig seine Steuern bezahle. Weil die New Yorker Steuerbehörden Letzteres bezweifelten, begann Warhol in den siebziger Jahren ein Tagebuch zu führen. Jeden Morgen telefonierte er mit seiner Ghostwriterin Pat Hackett und erzählte ihr, was er am vergangenen Tag alles gemacht hatte. Wo er gewesen war, wen er getroffen und vor allem wieviel Geld er wofür ausgegeben hatte. So sollten Warhols üppige Spesenquittungen ihre Legitimation finden. Nebenbei aber entstand ein faszinierendes Porträt der New Yorker Gesellschaft: Klatschgeschichten aus dem gehobenen Kunstmilieu, Reflexionen zu Politik, Medien, Zeitgeschichte. Natürlich ging es auch ganz direkt ums Geld. Ich glaube nicht, dass jeder Geld haben sollte, sagt Warhol. Sonst wüsste man ja nicht mehr, wer wichtig ist. Wer Warhols pointierte Notizen noch nicht kennt, kann sie jetzt in der schönen Hörspieladaption „Das Tagebuch 1979 / 80“ kennen lernen (SWR 2, 1. April, 21 Uhr 03, Kabel UKW 107,85 MHz).

Andy Warhol war ja so ziemlich das Gegenteil eines Künstlers im Elfenbeinturm. Wer Pop macht, fühlt sich auf den Märkten zu Hause. Dort drängen sich allerdings auch die Gaffer. Was den Menschen zum schamlosen Glotzen treibt, versucht Wolf Eismann in seinem Feature „Sehr verehrte Zuschauer!“ zu ergründen. Die Geschichte kennt den Voyeur seit langem: enormer Zulauf bei den Hinrichtungsschauspielen des Mittelalters, auch die Druckerpresse verdiente mit Skandalgeschichten ihr erstes Geld. Eismann interessiert sich für zeitgenössische Phänomene: das Florieren der Porno-Industrie, Katastrophentourismus, Dauerentblößung im Fernsehprogramm. Ist es die Natur, die uns zu notorischen Hinguckern macht? Oder sind es kulturelle Auswüchse? (Deutschlandfunk, 28. März, 20 Uhr 05, UKW 97,7 MHz)

Die Omnipräsenz des Handys jedenfalls macht uns alle zu Zwangs-Voyeuren. Lautstark wird der wehrlose Ohrenzeuge in die Geiselhaft fremder Intimität genommen. Überall in europäischen Großstädten hat Autorin Rita Vizelyi den Sound telekommunikativer Selbstentblößung gefunden. Ihr Feature „Hier spricht der Fritz“ arrangiert das per Handy veröffentlichte Privatleben zur amüsant-surrealen Collage (Deutschlandradio, 29. März, 0 Uhr 05, UKW 89,6 MHz).

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