Medien : Zwei Senatoren, die gefeuert gehören

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Herr Jörges, worüber haben Sie sich in der vergangenen Woche in den Medien am meisten geärgert?

Auf zwei Seiten wendet die „Zeit“ in betulicher Manier die Koalitionskrise hin und her – und erklärt sie zum Ergebnis eines „gigantischen Experiments“, etwas „gänzlich Neuem“ (der Gesundheitsreform), das „die Belastungsgrenze des politischen Systems der Bundesrepublik Deutschland“ teste. Das System, das System, das System – es entwickelt einen „autoputschistischen Drive“ und „erzeugt unter extremem Stress Führungslosigkeit“. Alles irgendwie automatisch. Der entscheidenden Frage aber, die in diesen Tagen alle stellen, Maybrit Illner sogar Face to Face an Angela Merkel, der Frage nach der Führungsfähigkeit und dem Überzeugungskern der Kanzlerin, der gehen die Autoren kurvenreich aus dem Weg. Erst in der letzten von neun Spalten lassen sie einen Dritten sagen, was sie schon in der ersten selbst hätten schreiben sollen. Heiner Geißler: „Sie muss sich darüber klar werden, was sie inhaltlich will.“ Das tut und sagt man eigentlich vor einer Reform. Und dann noch, im allerletzten Satz, ein Anonymus, der Merkel angeblich kennt: „In ihr keimt schon der Angriff.“ Keimt? Schon?!

Gab es auch etwas, worüber Sie sich freuen konnten?

Großartig die beharrlichen Recherchen der Berliner Zeitungen – der Tagesspiegel vorne dran – zum Kern der „Idomeneo“-Absetzung. Am Ende stellt sich der Fall ganz anders dar als zu Beginn: Nicht die geprügelte Opern-Intendantin Kirsten Harms trägt die Verantwortung für das empörende Stück Appeasement – der vermeintliche Kultur-Skandal ist ein politischer. Der Innensenator schwätzt am Telefon seifig daher: Er liebe die Deutsche Oper, fahre oft an ihr vorbei und wolle nicht erleben, dass sie nicht mehr da sei. In solcher Sprache drohen Mafiosi. Und der Kultursenator ist auf Steuerzahlers Kosten voll mit Wahlkampf ausgelastet, sodass ein Brief der Intendantin über die geplante Absetzung zehn Tage in seinem Amt schmort, bevor er ihn endlich liest. Beide gehören gefeuert.

Hans-Ulrich Jörges

ist stellvertretender Chefredakteur des „Stern“ und leitet

das Berliner Büro.

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