Medien : Zweite Chance

Die Erwartungen an die neue ARD-„Sportschau“ sind hoch. Wie Redakteionsleiter Steffen Simon sie erfüllen will

Thomas Gehringer

Über Fußball kompetent berichten? Erfolgreicher sein als „ran“? Ja, sicher. Steffen Simon, Chef der ARD-„Sportschau“, hat noch höhere Ziele: „All dieses Gerede, dass das großartige Produkt Bundesliga nichts mehr wert sei, habe ich nicht verstanden“, sagt der 38-Jährige. „Die Bundesliga ist ein Kulturgut, das man nicht mies machen sollte. Insofern haben wir die Verantwortung, die Bundesliga wieder in positives Fahrwasser zu bringen und auch die Einschaltquoten nach oben zu korrigieren.“ Wenige Tage vor dem Start der 41. Bundesliga-Saison scheint klar: Die Revolution findet nicht statt, auch wenn sich die unter Zeitdruck konzipierte neue „Sportschau“ im Detail vom Vorgänger „ran“ durchaus unterscheidet. Und für die ARD wird das Bundesliga-Vergnügen immer teurer. Laut „Spiegel“, summieren sich allein die Produktionskosten auf knapp 13 Millionen Euro.

Ein Versprechen soll jedoch unbedingt eingelöst werden: mehr Fußball pur. 55 Minuten sollen in der 90-minütigen „Sportschau“ gezeigt werden. „Das streben wir an“, drückt sich Simon noch betont vorsichtig aus, weil hinter den Kulissen offenbar um jede Minute gerungen wird. Neben Interviews und Moderationen müssen zwei jeweils fünfminütige Werbeblöcke und zudem eine einminütige „Tagesschau“ untergebracht werden. 55 von 90 Minuten – das wäre dennoch eine deutlich höhere Quote als bei „ran“, das maximal die Hälfte der Sendezeit für die Spielberichte zur Verfügung gestellt habe, sagt Simon. Der einstige Sportchef des RBB-Brandenburg, der als Volontär beim Rias anfing, hatte im Jahr 2000 selbst für die Sat-1-Show gearbeitet. An der hat Simon einiges zu kritisieren, aber insgesamt „war die Sendung viel besser als ihr Ruf“. Sie sei aber „von dem Anfangs- Image, als die Bundesliga noch als Show-Act präsentiert wurde, nicht mehr losgekommen“.

Die Parole für die „Sportschau“ lautet dagegen: „Wir wollen das Spiel in den Mittelpunkt stellen. Show wird es nicht geben“, sagt Simon. Er will „eine klare Sendung ohne digitalen Schnickschnack“. Das virtuelle Feld, in dem die „ran“-Moderatoren gestanden hätten, sei eine einzige Grafikwüste gewesen. Die gerade erneuerte „Sportschau“-Kulisse, bei der die Farben Blau und Orange dominieren, sei dagegen nur ein bisschen verfeinert worden: „Obwohl ich schon überlegt habe, ob man den drehbaren Sperrholzball noch mal zurückholt“, scherzt Simon. Verzichtet werde auf Studiopublikum und „diese Ewig- Vorberichte wie bei ,ran’“. Allerdings sind Extra-Beiträge auch nicht ausgeschlossen: „Wenn es ein heißes Thema der Woche gibt, werden wir das journalistisch aufarbeiten.“ Interviews und Bilder vom Randgeschehen wird es in der „Sportschau“ ebenfalls geben, aber der Redaktionsleiter verspricht Zurückhaltung. „Wir werden die Reporter in den Stadien anhalten, auf O-Töne, die inhaltlich nichts bringen, zu verzichten“, sagt Simon. Zu zeigen, wie Bayer-Manager Reiner Calmund auf der Tribüne leidet, sei aber in Ordnung, „weil es die Stimmung in Leverkusen widerspiegelt“. Aber „den Sohn von Mehmet Scholl muss ich nicht sehen“.

Genauso wie „ran“ wird sich auch die „Sportschau“ mit dem Dilemma herumplagen, dass das „großartige Produkt Bundesliga“ jede Menge Durchschnitt bietet. „Das größte Grottenspiel sieht durch die Ästhetik der Kameraposition, durch die hochwertige Auflösung von Superzeitlupen immer toll aus. Es ist nicht leicht für einen Kommentator, trotzdem deutlich zu machen: Das war ein schlechtes Spiel. Aber man muss es wenigstens erwähnen“, sagt Simon. Wenn sogar die Top-Spiele zum Gähnen sind, „kann das zum Problem werden“, meint er. Aber selbst wenn die Schalker und Dortmunder Profis am Samstag eine miserable Leistung bieten und das Spiel 0:0 endet: „Es bleibt ein Event.“ Simon will mit der neuen Bundesliga-„Sportschau“ den „Brückenschlag von der Tradition zur Moderne“ schaffen. Das betrifft nicht nur die Wiedereinführung des Gewinnspiels „Tor der Woche“. „Unsere große Stärke ist, dass die Archive voller Material sind, das in den sechziger Jahren beginnt. Es wird sich nahezu immer anbieten, damit zu arbeiten.“ Mit WDR-Sportchef Heribert Faßbender ist ein Mann der ersten Bundesligastunde sein Vorgesetzter. Faßbender sei, „wenn wir seinen Rat brauchen, sofort zur Stelle, ansonsten lässt er uns arbeiten“. Auch sonst gibt sich die „Sportschau“ traditionell: Der Fußball wird wieder zum reinen Männersport. Mit Monica Lierhaus stand bei Sat 1 und Premiere immerhin eine Moderatorin vor der Kamera. Simon verweist darauf, dass eine Redakteurin als Sendeleiterin die „Sportschau“ maßgeblich mitgestaltet. Dennoch: „Mein Ehrgeiz ist es, dass erstmals eine Frau auch Spiele kommentiert. Da sind wir mit verschiedenen in einer Testphase.“ Ein Einsatz von Günter Netzer als Experte wie bei den Länderspielen sei nicht konkret geplant, aber auch nicht ausgeschlossen“. Von allzu häufigen Auftritten Netzers hält Simon ohnehin nichts: „Wenn man die ,Ware’ verknappt, bleibt sie interessanter.“ Netzer verkaufte freilich als Manager der Firma Infront die Bundesliga an die ARD.

Neben der Deutschen Agrarwirtschaft (CMA) hat sich der Sender mit T-Mobile als Sponsor ausgerechnet den Vertragspartner des Liga-Platzhirschen Bayern München geangelt. Kann man da noch von journalistischer Unabhängigkeit sprechen? Simon sieht da überhaupt keine Probleme: „Im Ernstfall werden wir auf Sponsoren keine Rücksicht nehmen können. Ohne Sponsoren geht es jedenfalls nicht, will die ARD, wie versprochen, die Rechte ohne zusätzliche Gebühren refinanzieren. „Wir fahren die Sendung sehr viel schlanker, als Sat 1 das gemacht hat“, beteuert Simon. Während die „Sportschau“-Redaktion aus acht Personen bestehe, hätte „ran“ in besten Zeiten bis zu 50 Mitarbeiter verpflichtet. Dass sich die ARD gegen eine tägliche Bundesligasendung entschieden hat, hält er für vernünftig. So wird die Bundesliga die Woche über wie gehabt in anderen Formaten wie der „Tagesschau“, dem „Morgenmagazin“ und dem „Mittagsmagazin“ präsentiert. Auch die Kollegen von „Brisant“ wollen nun verstärkt über die Fußball-Eliteklasse berichten. Wenn das keine Drohung ist.

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