Medien : Zweite Chance

Vom Warten auf die Organspende – eine Dokumentationsreihe auf Arte

Jeannette Krauth

Im Rosengarten, an einem Frühlingstag, sitzt ein Mann auf einer Bank, und vor ihm steht sein Herz. Es steht auf einem Handkarren, und das Herz ist ein viereckiger Kasten. Wie alte Damen ihren Einkaufskarren hinter sich herziehen, so rollt hinter Frank Suffa-Friedel dieses Gerät. Im Paulinen-Krankenhaus Berlin wartet der 55-Jährige seit über einem Jahr auf ein Spenderherz. Wenn er erklärt, wie das Gerät funktioniert – dort ist die Pumpe, an der Taille gehen die Schläuche in den Körper, abends schmerzt das Sitzen, und wenn die Schläuche rausrutschen würden, dann würde er auslaufen und wäre tot – , dann sagt der Mann es in einem Tonfall, als ob er über die Funktionen eines Videorekorders redet.

Ab heute erzählt eine fünfteilige Dokumentationsserie namens „Hoffen zwischen Tod und Leben“ über das Thema Organspende – vom Warten, Hoffen, der Angst der Kranken und der Sorge der Angehörigen von Spendern. Jeden Abend dieser Woche begleitet Regisseur Till Lehmann ein Stück des Lebens von Menschen, die ihn kurz vor oder nach einer Organspende in ihr Leben schauen ließen.

Grellrotes Blut schießt in durchsichtige Plastikschläuche. Gecrashtes Eis fällt auf eine Glasplatte. Das hier wird nicht rührselig, sagt der Vorspann der Serie. Die fünf Folgen der Doku halten das Versprechen ein und sind den porträtierten Menschen zugleich nah. Da ist zum Beispiel Manja Joly. Sobald die Frau – klein ist sie, trägt einen Pagenkopf und hat Arme, die so dünn sind wie die eines Kindes – spricht, klingt es kehlig und heiser. Manja Joly ist lungenkrank. Sie ist an einen Atemschlauch angeschlossen, der ihren Bewegungsradius auf sechs Meter begrenzt. Zu 30 Prozent funktioniert ihre Lunge nur noch. Sie hat eine Erbkrankheit, die die meisten Erkrankten nicht älter werden lässt als 30 Jahre. Manja Joly ist 31.

Autor Till Lehmann nimmt sich in den richtigen Momenten Zeit. Etwa, wenn Manja Joly darüber spricht, wie wichtig der 30. Geburtstag für Menschen mit ihrer Krankheit sei. Die Kamera verharrt auf ihrem Gesicht. Um in einer anderen Szene, im Krankenhaus, eine weite Perspektive zu wählen, so von der Leere des Flurs, der Kühle des Neonlichts im Krankenhaus zu erzählen. Oder in der nächsten Einstellung den Patienten in seinem Zimmer als verlorenes Menschlein da sitzen zu lassen. Und dann wiederum erzählt der Film spurtend, als die Styroporbehälter, gefüllt mit frisch entnommenen Organen, verschickt werden: grelle Farben, schnelle Schnitte, Tempo.

Die Hälfte der Ärzte, Schwestern und Pfleger hätte Schwierigkeiten mit der Entnahme von Organen, die Spender seien ja noch warm und rosig, erzählt ein Pfarrer. Die Dialektik zwischen Heilungsauftrag und der Tatsache, dass der hirntote Spender erst durch die Operation zu einem kalten Leichnam wird, die setze vielen zu. „Hoffen zwischen Tod und Leben“ fällt kein Urteil. Die Stärke von Lehmanns Film liegt darin, das Warten der Kranken, das zum Alltäglichen und Normalen wird, und die Schnelligkeit des plötzlichen Eingriffs, der alles verändern oder beenden kann, einander nahe zu rücken. Manchmal verliert sich der Autor dabei in Kunstgriffen, wiederholt etwa die Melodie einer Spieluhr immer wieder als Signal: Achtung, jetzt geht es wieder um den Säugling, der ein Stück Leber transplantiert bekommt. Längst verstanden, denkt der Zuschauer und ist ein bisschen genervt.

Aber es gelingt Till Lehmann, einen Nachgeschmack zu erzeugen. Das Rauschen der Blutpumpen, das Piepen im Operationssaal, die Schwere des Atmens – das bleibt im Ohr. Genauso wie die kühle Distanz der Kamerabilder und die Nähe zu den Protagonisten. Diese Dokumentation berührt, ist nachdenklich, macht nachdenklich. Dabei Chips essen geht nicht.

„Hoffen zwischen Tod und Leben“, Montag bis Freitag, Arte, 20 Uhr 15

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