Medien : Zweites Leben

„Die Zeit“ hat wieder ein Magazin

Simone Schellhammer

Die fetten Jahre sind im Kommen. Zumindest bei der „Zeit“. Die Auflage stieg in den letzten Jahren kontinuierlich, die Anzeigenkunden blieben treu, die Zeitungskrise aus dem Jahr 2002 scheint vergessen. Nicht vergessen ist der „Phantomschmerz“, sagte Chefredakteur Giovanni di Lorenzo, der die Zeitung und ihre Leser seit dem 6. Mai 1999 nicht mehr losgelassen hat. Das „Zeitmagazin“ wurde eingestellt. Aus wirtschaftlichen Gründen.

Die Themen, das Rätsel und Wolfram Siebecks Kolumne wurden zu einem Teil der Zeitung, der sich fortan „Leben“ nannte und in Berlin entstand. „Jetzt, da es dem Blatt wieder besser geht“, wie di Lorenzo anmerkte, erlebt das Magazin seine Auferstehung. als „Zeitmagazin Leben“. Nein, nicht als schnödes Remake, sondern als Weiterentwicklung. Doch „Die Zeit“ wäre nicht „Die Zeit“, wenn Traditionen nicht auch bei Weiterentwicklungen eine große Rolle spielen würden. So ist der große und nicht unumstrittene Mann des investigativen Journalismus zurück. Günter Wallraff hat mit Perücke und ohne Schnauzbart in einem Callcenter recherchiert und dort gesagt bekommen, er möge sein Gewissen zu Hause lassen.

Ebenso dabei im neuen „Zeitmagazin“ der große, weise Mann der Politik: Helmut Schmidt, mit dem Giovanni di Lorenzo sich für jedes Heft „Auf eine Zigarette“ trifft. Schmidt kommt bei seiner Premiere zu der Meinung, die G-8-Gipfel sollten besser auf dem Mond veranstaltet werden. Auf der sicheren Seite sind die Macher auch mit der Bilderstrecke, in der der berühmte Modedesigner Helmut Lang Fotos der berühmten Agentur Magnum präsentiert (leider unter dem allzu naheliegenden Titel: „Mein Magnum“). „Back to the roots“ scheint auch das Layout zu sein.

Mit seinem Retro-Charme erinnert es an die 60er Jahre, in denen Art Director Willy Fleckhaus erst Zeitschriften wie „twen“ und „Quick“ und später dann das Magazin der „Zeit“ und der „FAZ“ entworfen hat. In der Chefredaktion der „Zeit“ stand man damals dem neuen Projekt recht ablehnend gegenüber. Speziell Marion Gräfin Dönhoff war skeptisch, „was den spekulativen Charakter von Bildern betraf“, erinnerte sich Jochen Steinmayr 1996. Er war seinerzeit der erste Chefredakteur des Magazins und ehemaliger „SZ“- und „Stern“-Reporter. Außerdem gab die Gräfin zu bedenken, dass die Honorare in einem solchen Heft zwangsläufig höher lägen als bei der „Zeit“.

Immerhin hat Geschäftsführer Rainer Esser jetzt einen „einstelligen Millionenbetrag“ in das „Zeitmagazin Leben“ mit seinen 60 Seiten investiert. Der soll in zwei Jahren aber wieder drin sein. Da ist man zuversichtlich, denn an Anzeigen teurer Modelabels, Schmuckhersteller und Banken scheint es nicht zu mangeln. Spezialhefte zu Mode, Uhren oder Design tun da ihr Übriges.

Das Team von „Leben“ scheint also in einer komfortablen Lage. Welche Zeitschrift schafft es schon, mit einer garantierten Auflage von fast 500 000 Exemplaren an den Start zu gehen? Das dürfte mit ein Grund sein, warum das Heft „mit großer Selbstverständlichkeit erscheinen“ kann. Davon sprach zumindest Christoph Amend, der seit 2004 das Ressort „Leben“ leitete und jetzt das „Zeitmagazin Leben“ verantwortet. Der Journalist arbeitete einst bei der Jugendbeilage „Jetzt“ und beim „SZ-Magazin“ und danach beim Tagesspiegel. So hätte die aktuelle Reportage zum Thema „Liebe“ gut zu „Jetzt“ gepasst, Stilkritiken oder die Josef-Ackermann-Fotos von Olaf Blecker könnten aus dem „SZ-Magazin“ stammen. Dennoch „werden wir es anders machen“, sagte Giovanni di Lorenzo. Die Redaktion des Magazins bleibe weiterhin in Berlin.

Auf die Frage, in welcher Stadt denn nun die Möglichkeiten zum Zeitungmachen am besten seien, nannte di Lorenzo, der auch Mitherausgeber des Tagesspiegel ist, vier Städte: Hamburg, Frankfurt, München und Berlin. In dieser Reihenfolge. Simone Schellhammer

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