Medien : Zwischen Bolzplatz und Ehrentribüne

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Von Peter Siebenmorgen

So viel Duell war noch nie. In der Schlussphase des Wahlkampfs werden jene beiden Kanzlerkandidaten, die diesen n auch verdienen, gleich zweimal zum direkten Schlagabtausch gegeneinander im Fernsehen antreten. Vergleichbares hat es noch nie gegeben. Und bereits heute in „Bild am Sonntag“ und am Montag dann in „Bild“ kommt es zum unmittelbaren Print-Duell. Dazwischen jede Menge Fernduelle, das erste beginnt am Dienstag und endet eine Woche später: Dann nämlich wird das ZDF Porträts der beiden senden, erst Schröder, dann Stoiber.

Wahrscheinlich wird diesem versetzten Duell und auch den noch folgenden nicht ganz der Publikumserfolg beschieden sein, der den direkten Konfrontationen wohl sicher ist. Was schade wäre, denn die beiden ZDF-Filme, die jetzt ausgestrahlt werden, zählen zum Besten, was Fernsehen an politischer Information und Aufklärung überhaupt leisten kann, so sehr sie sich im Ansatz unterscheiden.

Der Grundbefund ist keine Überraschung: Gerhard Schröder und sein Herausforderer Edmund Stoiber sind denkbar unterschiedliche Politiker. Auch beim Blick auf den Menschen fallen an den wenigen Gemeinsamkeiten vor allem die Unterschiede auf. Beide sind sie, beispielsweise, Fußballnarren. Doch den einen kann man sich, ohne große Fantasie bemühen zu müssen, auf dem Bolzplatz vorstellen, den anderen eigentlich nur auf der Ehrentribüne. Und so ist es ja auch tatsächlich – sieht man davon ab, dass sich natürlich auch der kleine Edmund in seiner Kindheit gelegentlich am runden Leder versucht hat, und Schröder, wenn er als Staats- oder Privatmann gelegentlich einem Match beiwohnt, sich selbstverständlich nicht unter die johlenden Fans in der Südkurve mischt.

Über die Leidenschaft von Schröder, den sie als Mittelstürmer seines Dorfvereins „Acker“ nannten, ist schon viel berichtet worden; sein uneleganter, aber von großem Torinstinkt geprägter Stil, sich auf dem Fußballfeld zu bewegen, ähnelt ja nicht wenig jener Art, in der er sich die Politik vornimmt: unverdrossen, ausdauernd, nie verzagend, trickreich, robust – bei allem in Maßen ein Teamspieler, der auf Treue und Vertrauen der Mannschaft setzt, der aber, wenn es sein muss, auch zulangen kann. Da lag es nahe, dass Claus Richter in seinem Schröder-Porträt immer wieder auf den Fußballer zurückkommt. Wie schon so viele vor ihm. Doch in diesem Film ragt das alles weit über das Klischeehafte oder Anekdotische hinaus. Etwa, wenn einer der Zeitzeugen aus Schröders Kindheit mit einigen Fußbällen auf dem Spielfeld ein Rechteck legt, das ungefähr der Größe jener Baracke am Sportplatz entspricht, in der der spätere Kanzler unter bitterarmen Bedingungen eine Zeit lang lebte. Ein Satz, der einem so leicht in der Beschreibung der Kicker-Stars von einst über die Lippen geht, verliert bei Schröder jeglichen Aspekt des Idyllischen: „Fußball ist sein Leben." Die anderen Ortstermine zur Kindheit in bitterster Armut beklemmen nicht weniger.

Aus diesem Elend wollte er heraus. Fast um jeden Preis. Und wiederkommen, wenn er seine sich aufopfernde Mutter im Mercedes abholen kann.

Die eigentliche überraschende Wendung, die diese nur in ihrer Eindringlichkeit neue Darstellung nimmt, ist die These, dass Herkunft und Aufstieg Schröder zu einem wahrhaft „Konservativen“ werden ließ: Richters Schröder ist einer, der auf Tugenden und Werte setzt, auch wenn diese im Aufstiegstriumph zuweilen überschattet sind; einer der auf Sicherheit, nie auf unkalkulierbares Risiko geht; einer, der für Theorien wenig übrig hat, fast schon Verachtung empfindet, weil er das Leben in allen seinen Härten viel besser, lebhaft, kennen gelernt hat.

So überrascht es nicht, dass der Mann als Bundeskanzler nirgends derart beeindruckt wurde wie bei seinem kürzlichen Besuch im Elend von Kabul. Auch als er die stahlenden Augen der Mädchen sah, die jetzt dürfen, was ihnen von den Islamisten verwehrt war: zur Schule gehen. Bei Schröder selbst waren es andere Umstände, aber es waren gleichfalls unverschuldete Umstände, die ihm lange Jahre den Zugang zu Bildungschancen verwehrten.

Allzu nahe an den Schröder der Gegenwart ist Claus Richter nicht herangekommen, also macht er das Beste aus der bleibenden Distanz: Er leuchtet tief hinein in Biografie und Vergangenheit; über weite Strecken ist ihm ein glänzender Essay gelungen.

Ganz anders nähert sich der Film von Thomas Fuhrmann und Ulf-Jensen Röller über Edmund Stoiber seinem Gegenstand. Sehr knapp nur, dabei keineswegs flüchtig, die Blicke zurück: Auch hier eine Aufsteigerbiografie, aber doch nicht von letzten Härten geprägt.

Stoiber wächst immerhin in geordneten Verhältnissen auf. Doch dass dieses Porträt fast schon intim in der Gegenwart bleibt und die Kameraführung stets hart am Mann, erweist sich schon bald als gelungene Perspektive: Denn bedrückend an diesem Mann sind nicht Herkunft und Prägung, sondern die Art, wie er redet, sich bewegt, sich gibt. Das Bild einer Verkrampfung, die sich rasch auf den Zuschauer überträgt: Wie er um Lockerheit bemüht ist, jeder Fototermin zur Qual gerät. Wie der Kopf nervös hin und her zuckt, der Büromensch von Ungeduld getrieben ist.

Selbst die vielen Bilder aus der Privatheit – der Familie, dem Urlaub –, zeigen nie einen entspannten Menschen. Man möchte davonlaufen, wenn man sieht, wie unbeholfen dieser Großvater an seinem Enkelkind in einem Spielauto sitzend herumhantiert. Dass Edmund Stoiber und seine Ehefrau ausführlich zu Wort kommen, macht alles kaum besser. Die Nervösität des Porträtierten überträgt sich unweigerlich auf den Betrachter. Nie ist der Film langatmig oder langweilig, und doch mag man als Zuschauer hoffen, dass es endlich bald vorbei ist.

Nur für einen Augenblick übrigens kommt Stoibers Ziehvater Franz Josef Strauß ins Blickfeld: Bei einer Parteiveranstaltung aus dem Bundestagswahlkampf 1980 kann man sehen, wie der Eleve den Saal mit seinen eigentümlichen Betrachtungen über das angeblich „sozialistische“ Wesen des Nationalsozialismus einpeitscht.

Daran zu erinnern ist gewiß kein Fehler. Doch die kurze Szene zeigt noch etwa anderes. Wenn es darauf ankommt, beherrscht er die klare Sprache auch in grammatikalischer Hinsicht: Subjekt, Prädikat, Objekt.

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