Medien : Zwischen den Fronten

NAME

Von Alia Rayyan

Zensur, Jubelartikel, Internet-Propaganda – der Nahostkonflikt ist, wie so viele Auseinandersetzungen, ein Krieg, der auch über die Medien ausgetragen wird. Und Zeitungen und Fernsehen berichten meist nur die halbe Wahrheit: den Teil, der die eigene Kriegspartei in einem positiven Licht erscheinen lässt. Eine Gruppe steht gewissermaßen zwischen den Fronten: die israelischen Palästinenser. Das sind 18 Prozent der Israelis, moslemische und christliche Araber, die nach dem Unabhängigkeitskrieg von Israel 1948 im Land geblieben sind und nicht in die umliegenden Gebiete flohen.

Nur rund 25 Prozent dieser Bevölkerungsgruppe in Israel liest auch hebräische Zeitungen. Die meisten fühlen sich im Meinungsbild dieser Medien nicht vertreten. Für sie ist „As-Sennara“ („Der Angelhaken“) mit 30 000 Exemplaren das Sprachrohr, eine der wichtigsten arabischen Wochenzeitungen in Israel.

Ahmed Hazem ist seit zehn Jahren Europa-Korrespondent für „As-Sennara“. Er wohnt und arbeitet in Berlin. Die Debatte um einseitige Berichterstattung, Zensur und Propaganda im Nahostkonflikt – sowohl in Europa als auch in der arabischen Welt – ist ihm vertraut: „Sicher, jede Seite hat das Gefühl, nicht wahrheitsgemäß behandelt zu werden.“ Offizielle Zensur sei heute aber nicht mehr das Problem. Stattdessen liege die Gefahr in der Nichtinformation. „Ein internationales Problem“, meint der Korrespondent. Aber auch eins, das in der Region verwurzelt ist.

Wer sind nun genau die Leser von „As-Sennara“? Die einen sprechen von Palästinensern mit israelischem Pass – die anderen von arabischen Israelis. Aus deutscher Sicht scheint es keinen Unterschied zu geben, nicht so für Israelis oder Araber: Allein die Bezeichnung dieser Gruppe ist bereits ein politisches Bekenntnis. Während ihre „Brüder“ in den palästinensischen Autonomie-Gebieten schon immer unter Zensur und Maßregelungen litten, konnten arabische Israelis ihre Meinung frei äußern.

Gewissen Zwängen sei man auch in Israel unterworfen, sagt aber Ahmed Hazem. Geht es um Sicherheitsfragen, trifft man schnell auf das Phänomen der Selbstzensur: Man muss abwägen, ob eine Information wichtig ist oder gefährlich. Seit 1966 gibt es einen Informationsrat, paritätisch besetzt mit Vertretern aus israelischen Medien und Militär, der Richtlinien für Konflikte ausarbeitet. Hilfestellung nennt man das in Israel, aus westlicher Sicht hat das eigentlich nicht mehr viel mit Pressefreiheit zu tun.

„Das Recht, Informationen aus sicherheitsrelevanten Gründen zurückzuhalten, kann sich jeder Staat herausnehmen,“ sagt Ahmed Hazem. Für ihn zählt das Grundsätzliche: Meinungsvielfalt ist für die arabischen Blattmacher in Israel möglich. Neben „As-Sennara“ erscheinen noch einige wenige Lokalblätter mit begrenztem Einzugsgebiet.

„As-Sennara“ wird auch in den palästinensischen Autonomiegebieten gelesen – falls sie dort zu haben ist. Denn wenn die Grenzen zu Israel dicht sind, kommen auch die Zeitungsboten nicht durch. Trotz kritischer Auseinandersetzung mit der gegenwärtigen politischen Situation richtet „As-Sennara“ seine Schlagzeilen nie gegen Israel. „Unsere Aufgabe ist es, der arabischen Bevölkerung zu zeigen, was im Land passiert – dazu gehören kritische Betrachtungen israelischer, aber auch arabischer Einstellungen,“ sagt Ahmed Hazem und zeigt auf die Schlagzeilen der neuesten Ausgabe.

Auf der ersten Seite kann man ein Interview mit dem israelischen Knesset-Präsidenten Abraham Burg nachlesen, der sein Programm zur Krisenlösung verteidigt. Ungewöhnlich für eine arabische Zeitung ist ein Bericht, der einem Vertreter der politisch rechts zuzuordnenden Shas- Partei ein Forum gibt. Das sind Informationen, die nie auf der Titelseite einer ägyptischen oder saudi-arabischen Zeitung zu finden wären.

„As-Sennara“ wird man in Ägypten oder im Libanon vergeblich suchen. So weicht die Zeitung ein wenig das westliche Bild von arabischer Berichterstattung auf. Das sieht in etwa so aus: „Presse wird als Staatssache angesehen, und Nachrichten gleichen einem Staatsprotokoll.“ Ähnlich wie beim arabischen Nachrichtensender Al Dschashira aus Kuwait, der unter anderem durch die Ausstrahlung der Videos mit Osama bin Laden im Westen bekannt wurde und später mit dem ZDF einen Kooperationsvertrag abgeschlossen hat.

„Aber man sollte Al Dschasira nicht glorifizieren. Es ist nicht das einzige arabische Medium“, sagt Ahmed Hazem und beugt sich über die neueste Ausgabe von „As-Sennara“. Berichterstattung von Konflikten – egal ob in Israel, der arabischen Welt oder in Europa – sei ein ständiges Abwägen von wahr und falsch, von gefährlich oder wichtig. „Es ist ein Spiel von Licht und Schatten.“

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben