Medien : Zwischen London und Berlin

Der Fernsehtag: Die Explosionen in London und das Warten auf Horst Köhler

Sören Kittel,Kurt Sagatz

Das Warten der deutschen Fernsehsender auf die Entscheidung von Bundespräsident Horst Köhler in Sachen Bundestagsauflösung wurde am Donnerstagnachmittag jäh durch Meldungen über erneute Explosionen im Londoner U-Bahnnetz unterbrochen. Nur wenige Minuten nach den allerersten Meldungen sendeten die weltweiten Nachrichten-Networks CNN und BBC bereits Bilder aus der britischen Hauptstadt. Zu sehen war darauf allerdings wenig. Die seit den Anschlägen vor rund zwei Wochen installierten Kameras an Londons Hauptverkehrsstraßen zeigten „Business as usual“, wie ein N24-Moderator bemerkte.

Doch das galt auch für die ersten Aufnahmen, die am 7. Juli über die Bildschirme jagten, bis der gesprengte Doppeldecker die TV-Berichte dominierte. Allerdings blieb an gestrigen Tag die Schere zwischen den Bildern und den Kommentaren noch größer, floss doch der Verkehr offenbar ungestört durch die britische Hauptstadt. Was allerdings nicht für die Informationen galt. Man zitierte sich gegenseitig und vor allem den britischen Satellitensender SkyNews.

Wie keine andere Quelle dominierte dieser Nachrichtenkanal die Laufbänder. SkyNews war der erste Sender, der einen Augenzeugen befragen konnte. Dieser Zeuge wollte gesehen haben, was sich in dem kleinen Rucksack befand, der in einem Bus explodierte. Auch die nachher nicht bestätigte Meldung, dass sich im University College Krankenhaus einer der Täter aufgehalten haben sollte, wurde von SkyNews lanciert und auch von den Konkurrenten weiterverbreitet.

Von den deutschen Stationen schalteten zuerst die beiden Nachrichtenkanäle nach London. N24 und n-tv waren nur Minuten nach den Großen auf Sendung. Die ARD folgte wenig später mit einem Laufband. Beim ZDF stellte der hauseigene Terrorismusexperte Elmar Theveßen mangels besserer Informationen Vermutungen darüber an, ob es sich um Nachahmertaten gehandelt haben könnte oder die islamistische Zelle der ersten Anschläge vielleicht immer noch aktiv ist. Trotz aller Ungewissheit bleibt eine Einsicht dennoch richtig: „Das Ziel der Terroristen ist es, Angst und Schrecken zu verbreiten. Das kann man selbst mit kleineren Sprengkörpern erreichen“, sagte Theveßen weiter. Das mag der Zuschauer als hilfreicher empfinden als den N24-Hinweis, dass auch Berlin „im Fokus des Terrorismus“ liege.

Und noch etwas fiel bei der medialen Präsentation auf: Es dauerte keine zehn Minuten, bis die Sender das U-Bahnnetz und die Londoner Stadtkarte auf dem Schirm abgebildet hatten.Während die einen (N24) mit Kreisen oder kleinen Explosionen (CNN) die Stelle der Attentate markierten, griff n-tv auf das „Underground“- Zeichen zurück. Auch die ARD hatte die Karte in ihre Nachrichten eingebaut. Sie unterschieden dabei zwischen dem Busunglück, das weit im Osten stattfand und den drei Underground-Vorfällen in anderen Teilen der Stadt. Keiner der Sender kam jedoch umhin, aus Mangel an aussagekräftigen Bildern immer wieder auf das Eingangsschild zur U-Bahn zu zoomen. Man kann vermuten, dass dieses „Underground“- Zeichen zum Synonym für den Terror in Europa wird.

Spekulationen, unbestätigte Meldungen über eine Nagelbombe und eine Schießerei – in hektischer Folge wurde jeder noch so kleine Hinweis über die Sender gegeben. Während neben den Nachrichtenkanälen auf der einen und den öffentlich-rechtlichen Sendern ARD, ZDF und Phoenix auf der anderen Seite sich niemand eine Blöße geben wollte, hielten sich Sat 1 und RTL erstaunlich zurück. Zwei kurze Sondersendungen mit Thomas Kausch (Sat 1) und Peter Kloeppel (RTL), dann ging es zurück zu den nachmittäglichen Gerichtsshows. Ein wenig mehr Engagement hätte sicherlich nicht geschadet.

Um kurz nach 15 Uhr dann die zweite Nachricht – einerseits seit Tagen erwartet, andererseits ebenfalls von explosiver Wirkung: Um 20 Uhr 15 wird Horst Köhler seine Entscheidung vor den Fernsehkameras erläutern, stand nun fest. Und nachdem sich bestätigte, dass es zwar mehrere Explosionen in London gegeben hat, diese aber von geringerer Wucht waren, setzte sich die Innenpolitik im Laufe des Nachmittages gegenüber dem Terrorismus zunehmend durch. Denn nun lief der Countdown für die Fernsehansprache und die folgenden Politiker-Interviews sowie die Analysen der Verfassungsexperten. „Deutschland wartet auf Köhler“ – darauf war man schließlich vorbereitet.

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