Medizin : „Der Arzt muss den Sterbenden respektieren“

Der Berliner Internist Michael de Ridder zur Medizin am Lebensende

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Wenn es eine Art Urszene gibt, die den Mediziner und Menschen Michael de Ridder erklärt, dann ist es eine Episode aus seiner ärztlichen Ausbildung. Damals bekam der junge Stationsarzt einen 64 Jahre alten alleinstehenden Mann angekündigt. Krebs im Endstadium. Der Mann war da, um zu sterben. Aber es war nur ein Bett in einem Sechsbettzimmer verfügbar. „Konnte ich den fünf Patienten dieses Zimmers einen zu Tode Erkrankten wirklich zumuten?“

Über diesen ersten Gedanken selbst erschrocken, sprach de Ridder mit den anderen Patienten, zerstreute ihre anfänglichen Bedenken – und erlebte eine Überraschung. Die Patienten organsierten eine 24-Stunden-Wache, fütterten und wuschen den todkranken Mann und lasen ihm vor. Fünf Tage später starb der Mann im Beisein der anderen Patienten. „Diese fünf Tage meines Lebens waren wichtig, ich werde sie nie vergessen“, sagte später einer von ihnen.

Mit dieser Geschichte beginnt de Ridders neues Buch „Wie wollen wir sterben?“ und mit dieser Geschichte eröffnete de Ridder am Montagabend auch die zweite Veranstaltung in der Tagesspiegel-Reihe „Wissenschaft im Salon“.

Mit viel Gefühl schilderte der Berliner Internist, was aus seiner Sicht schiefläuft in der modernen Medizin. Allzu häufig sei in der Intensivmedizin eine qualvolle Sterbensverzögerung an die Stelle einer sinnvollen Lebensverlängerung getreten. „Wozu ist Medizin da? Nicht dazu, das Sterben grundsätzlich unmöglich zu machen, sondern das Sterben zur Unzeit und das qualvolle Sterben zu verhindern“, sagte de Ridder. Die Medizin müsse die Wünsche des Patienten respektieren.

Diese Wünsche sind offenbar bei den meisten Menschen ähnlich. Das ging auch aus einer Umfrage unter den Teilnehmern der Veranstaltung hervor. Abgesehen von besonderen Wünschen („plötzlicher Herztod beim Klavierspielen“, „nach einem guten Glas Wein einschlafen“), waren sich fast alle einig, wie sie sterben wollen: zu Hause, ohne Schmerzen und nicht allein.

Allzu oft sehe das Sterben aber anders aus, sagte de Ridder. Menschen, denen nicht mehr geholfen werden könne, würden noch im letzten Augenblick ins Krankenhaus gebracht. „Da ist eigentlich alles gesagt und der Mensch könnte in Ruhe zu Hause sterben, aber dann bekommen die Angehörigen Angst und rufen den Notarzt.“ Andere Menschen lägen im Krankenhaus in aussichtsloser Lage und würden gegen ihren Willen am Sterben gehindert. „Nicht nur der Patient, auch die Medizin muss lernen, loszulassen“, sagte er.

Nach solchen Sätzen macht de Ridder eine kurze Pause. Er lauert dann, wartet spürbar auf Widerspruch. Dieser Mann sucht die Auseinandersetzung. Kein Wunder, dass Hartmut Wewetzer ihn in der Einführung als „politischen Mediziner“, bezeichnete, als „einen, der sich einmischt“.

Aber bisher will sich kaum jemand auf die Diskussion einlassen. Vielen Ärzten ist das Thema zu heikel, selbst eine Besprechung des Buches ist mancher Ärztezeitschrift offenbar nicht genehm. Dabei machte die Reaktion des Publikums, das de Ridder immer wieder mit Applaus unterbrach, klar, dass diese Haltung nicht mehr tragbar ist.

Wachkoma und Sterbehilfe, Patientenverfügung und Schmerztherapie, de Ridder hat sich nicht die leichten Themen ausgesucht. Er hat den Finger in eine tiefe Wunde der Gegenwartsmedizin gelegt. Die sollte auf den Schmerz jetzt reagieren. Kai Kupferschmidt

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