Medizin : Kränkungen, die krank machen

Berliner Forscher wollen Menschen mit „Verbitterungsstörung“ helfen. So nennen Psychologen eine Variante der „posttraumatischen Belastungsstörung“, die nach schweren Unfällen, Kriegsgewalt, Folter oder Vergewaltigung auftreten kann

Rosemarie Stein
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Verletzt. Schwere Enttäuschungen, etwa in einer Liebesbeziehung, können körperliche Beschwerden auslösen. Foto: mauritius

Eine junge Frau wird wegen ihres bedenklichen psychischen Zustandes in eine Rehabilitationsklinik eingewiesen, Abteilung Psychosomatik. Ihre Stimmung ist ständig gedrückt oder gereizt, sie interessiert sich für nichts mehr, hat sich völlig zurückgezogen, ist seit langem arbeitsunfähig. Eine Psychotherapie lehnt sie anfangs schroff ab, aber in einfühlsamen Gesprächen gewinnt der Therapeut ihr Vertrauen und erfährt, welches Ereignis sie so krank machte: Eine Woche vor der Hochzeit betrog der Bräutigam sie mir ihrer besten Freundin und heiratete diese dann. Das hat sie auch nach Jahren nicht verwunden. Verbittert bleibt sie auf diese seelische Verletzung fixiert.

Von „posttraumatischer Verbitterungsstörung“ sprechen neuerdings Experten wie der Charité-Arzt und Psychologe Michael Linden. Sie nennen dies eine Variante der bekannten, heute fast schon zur Modediagnose verwässerten „posttraumatischen Belastungsstörung“, die zum Beispiel nach schweren Unfällen, Kriegsgewalt, Folter oder Vergewaltigung auftreten kann und bei den Betroffenen Angstzustände mit allen seelischen und körperlichen Folgen verursacht.

Der „Verbitterungsstörung“ liegt keine physische Gewalt zugrunde, sondern ein Bruch in der Biografie oder eine schwere Kränkung, wie falsche Beschuldigungen, Mobbing oder eine als ungerecht empfundene Kündigung. Aber gehört so etwas nicht zum Leben? Heilt das nicht die Zeit? Und nun wird dies, wie vieles andere, zur Krankheit stilisiert.

Diese Vermutung liegt nahe. Aber man muss das Leiden wohl doch ernst nehmen, wenn Wissenschaftler wie Michael Linden und Andreas Maercker (Universität Zürich) gemeinsam mit der Deutschen Rentenversicherung zu einer internationalen Konferenz einladen, die letztes Wochenende im Rehabilitationszentrum Teltow-Seehof stattfand und von der bekanntermaßen kritisch prüfenden Robert-Bosch-Stiftung gefördert wurde.

Normalerweise sind Menschen widerstandsfähig genug, um auch schwere seelische Verletzungen irgendwann zu verarbeiten. Manche hindert aber ihre Persönlichkeit daran. Sie treten innerlich auf der Stelle, drehen sich voll Zorn und Wut im Kreis um ihre tiefe Kränkung, sind chronisch verbittert, sinnen auf Rache, neigen zum Suizid. Gibt es eine Therapie?

„Sie wollen sich nicht ändern – die anderen sollen sich ändern“, sagt Linden. Die Behandlung ist schwierig und noch unerprobt, Studien haben gerade erst begonnen. Die Therapeuten versuchen, die krankhaft Verbitterten zu einem Perspektivwechsel zu bringen. Im Fall der verlassenen Braut war das relativ leicht. „Haben Sie Ihrer Freundin schon einen Dankesbrief geschrieben?“, fragte Linden, nachdem er erfahren hatte, dass der untreue Bräutigam auch die Freundin immer wieder betrogen hatte und die Ehe inzwischen geschieden war.

Beim Teltower Expertentreffen wird das Verfahren mit dem befremdlichen Namen „Weisheitstherapie“ diskutiert. Dahinter stehen Erkenntnisse aus dem neuen Forschungsgebiet „Weisheitspsychologie“, das der verstorbene Berliner Psychologe und Altersforscher Paul Baltes initiierte. Definiert wird Weisheit hier als Fähigkeit, mit unlösbaren Problemen gelassen zu leben. Die Voraussetzung dafür ist, das Problem auch vom Standpunkt der anderen Beteiligten zu sehen und ihre Gefühle nachzuempfinden. Es ist äußerst schwierig, Menschen mit posttraumatischer Verbitterungsstörung solche Fähigkeiten zu vermitteln, etwa in Rollenspielen und Problemlösungsübungen.

Ein 55-jähriger Sozialarbeiter, dessen Schicksal auf der Tagung zur Sprache kam, war unter dem DDR-Regime, zu dem er in Opposition stand, jahrelang engagiert und erfolgreich in einem kirchlichen Kinderheim tätig, das er dann mit hohem persönlichen Einsatz durch die Wende-Turbulenzen rettete. Bei einer Umorganisation entließ man ihn als Ältesten zuerst – ein Wende-Verlierer.

„Verbitterung ist aber keine ostdeutsche Krankheit“, sagte Linden. Sie habe zwar als individuelle psychische Störung zugenommen, die meisten seien jedoch mit ihrer persönlichen Situation zufrieden – trotz der kollektiven Gefühle von Entfremdung, Ungerechtigkeit und Herabsetzung. Diesen Kontrast zwischen der eher positiven emotionalen Befindlichkeit der einzelnen Bürger und der allgemeinen Verbitterung beobachtet man auch in anderen Ländern nach politischen Umbrüchen.

In Nordirland wollen auch nach dem Ende des 30-jährigen blutigen Konfliktes die Kontrahenten nicht zusammengehören: Beide Seiten sind dagegen, die „Friedensmauer“ von Belfast einzureißen, berichtete Ed Cairns, Psychologieprofessor an der nordirischen University of Ulster. Mit Hilfe psychologischer Forschung und Intervention bemüht man sich, Angst, Wut und Verbitterung abzubauen, indem man die langjährig Verfeindeten miteinander ins Gespräch bringt und Verständnis für die jeweils andere Seite weckt.

Sehr eindrucksvoll scheint dies in Südafrika zu gelingen. Die „Wahrheits- und Versöhnungskommission“ bringt verbitterte Opfer oder ihre Hinterbliebenen mit den Tätern in öffentlichen Dialogen zusammen. Wie Pumla Gobodo-Madikizela, Psychologieprofessorin an der Universität Kapstadt, berichtete, scheint Vergebung möglich, wenn die Täter in den Augen der Gewaltopfer durch Schuldbekenntnis und Reue von „Monstern“ wieder zu Menschen werden. Ein junger schwarzer Polizist bat die Mütter jener (gleichfalls schwarzen) jungen Männer, deren Tod er zu verantworten hatte, zitternd und weinend um Vergebung. „Ich vergebe dir, mein Sohn“, sagte eine der Mütter, und alle umarmten ihn.

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