Medizin : Leben mit der Unsicherheit

Lass Dich nicht verrückt machen: Ein neues Zentrum in Berlin wirbt für den gelassenen Umgang mit gesundheitlichen Risiken.

Hartmut Wewetzer

Für jemanden, der sich täglich mit Risiken beschäftigt, sieht Gerd Gigerenzer, 61, erstaunlich gelassen aus. Wenn er spricht, mit weichem süddeutschen Zungenschlag, dann in freundlichem, ruhigen Tonfall – auch wenn er dabei harte Kritik übt. So ist der Psychologe und Direktor am Berliner Max-Planck-Institut für Bildungsforschung selbst das beste Beispiel für seine Lebensmaxime. Die lautet: Gehe entspannt mit Risiken um und lass dich nicht verrückt machen, von wem auch immer.

Gigerenzers Botschaft, eindrucksvoll vorgetragen in seinem Buch „Das Einmaleins der Skepsis“, überzeugte den englischen Finanzinvestor David Harding. Er stellte Gigerenzer 1,5 Millionen Euro zur Verfügung, um ein Zentrum zu gründen, in dem der richtige Umgang mit Risiken gefördert werden soll. Am gestrigen Dienstag wurde das „Harding Center for Risk Literacy“ der Öffentlichkeit vorgestellt. Zunächst auf fünf Jahre befristet sollen hier sechs Mitarbeiter die „Risikokompetenz“ erforschen und verbreiten.

Im Mittelpunkt von Gigerenzers Denken steht der aufgeklärte, gut informierte Bürger. Dazu zitiert er gern den Schriftsteller Herbert G. Wells. Wenn wir mündige Bürger in einer modernen Gesellschaft möchten, schrieb Wells, „dann müssen wir ihnen drei Dinge beibringen: Lesen, Schreiben und statistisches Denken, das heißt den vernünftigen Umgang mit Risiken und Unsicherheiten“.

Mit dem Lesen und Schreiben hat es geklappt, aber mit dem statistischen Denken nicht so ganz. „In der Schule wird die Mathematik der Sicherheit gelehrt, nicht die der Unsicherheit“, erläutert Gigerenzer. „Und das, obwohl das Denken in Wahrscheinlichkeiten viel wichtiger ist.“

Die Folge ist, dass die Menschen Risiken nicht richtig einschätzen können und fast nach Belieben manipuliert werden können. Ein Paradebeispiel Gigerenzers ist die „Pillenpanik“, die in Großbritannien 2005 durch Sensationsmeldungen erzeugt wurde. Eine Studie hatte ergeben, dass eine bestimmte Antibabypille der dritten Generation das Risiko von Blutgerinnseln (Thromboembolie) um 100 Prozent erhöhte.

Viele Frauen setzten die Pille ab und wurden ungewollt schwanger. In England und Wales gab es daraufhin 13 000 Abtreibungen mehr als sonst. Ein um 100 Prozent erhöhtes relatives Risiko – das klingt nach sehr viel. Aber wie viele Frauen waren tatsächlich betroffen? Von 7000 Frauen, die eine Pille der zweiten Generation einnahmen, bekam eine ein Blutgerinnsel. Bei der Pille der dritten Generation waren es zwei. Statt einer Thromboembolie also zwei – ein Anstieg von 100 Prozent. Oder, angegeben als absolutes Risiko, ein Fall auf 7000. Das klingt viel weniger dramatisch. Eine solche Zahl hätte es nicht auf die Titelseiten geschafft.

Wer Risiken aufblasen will oder auf der anderen Seite den Nutzen einer Behandlung aufplustern will, operiert mit relativen Risiken – also Prozentzahlen. Aber nur absolute Risiken erlauben eine realistische Einschätzung. Ein weiteres Beispiel Gigerenzers: Das Brustkrebs-Screening senkt die Sterblichkeit an Brustkrebs um bemerkenswerte 25 Prozent (relatives Risiko). Aber in absoluten Zahlen werden lediglich eine bis zwei von 1000 Frauen (absolutes Risiko) vor dem Tod durch Brustkrebs bewahrt.

Ein Hauptproblem ist für Gigerenzer die „Illusion der Gewissheit“. Viele Menschen hoffen auf absolute Sicherheit und werden darin von Politikern bestärkt, die sich mit Maßnahmen überbieten, die die Illusion völliger Sicherheit verstärken. Aber das vermeintliche Vermeiden von Risiken erzeugt mitunter neue, größere Gefahren. Nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 stiegen viele Amerikaner aufs Auto um. Die Folge waren 1500 zusätzliche Verkehrstote.

„Wir brauchen eine Gesellschaft, die mit Unsicherheit vertraut ist und Risiken verstehen statt verdrängen will“, sagt Gigerenzer. „Wir brauchen Neugierde statt Angst.“ Hartmut Wewetzer

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