Der Tagesspiegel : Medizinforschung: Vom Teufel bezahlt?

Geld von der Tabakindustrie: Streit um ein von der Morris-Stiftung gefördertes Projekt des Deutschen Herzzentrums Berlin

Adelheid Müller-Lissner

Als Europas Herzmediziner sich vor wenigen Wochen zum Kongress in München trafen, wurde in zahlreichen Vorträgen deutlich, wie gefährlich das Rauchen für Herz und Gefäße ist. Die Datenlage ist schier erdrückend: Eine britische Studie, für die fast 20 000 Männer seit 1968 untersucht wurden, zeigt beispielsweise, dass Raucher im Schnitt zehn Jahre kürzer leben. „Immer deutlicher wird auch, wie stark Frauen schon vor den Wechseljahren durch das Rauchen gefährdet sind, und das, obwohl sie durch die Hormone einen gewissen Schutz genießen“, sagt Eckart Fleck, Sprecher der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie und Leiter der Klinik für Innere Medizin und Kardiologie am Deutschen Herzzentrum in Berlin.

Zeitgleich mit dem Münchner Treffen ging es auch im Berliner Abgeordnetenhaus um Herzforschung. Genauer: Um die Finanzierung eines Forschungsprojekts unter Federführung Flecks durch den Tabakkonzern Philip Morris. Die Antwort auf eine Kleine Anfrage der Grünen-Abgeordneten Lisa Paus und Heidi Kosche ergab: In den Jahren 2003 bis 2005 wurde das Projekt mit 937 000 Euro von der Philip Morris Research Foundation finanziert.

Geld von Zigarettenherstellern – ausgerechnet angenommen von Ärzten, die die Gefahren des Rauchens besonders gut kennen? Eine heikle Konstellation. In einem „ethischen Kodex“ hat denn auch das Deutsche Krebsforschungszentrum in Heidelberg (DKFZ) im Jahr 2005 niedergelegt, dass „ finanzielle Mittel der Tabakindustrie“ für die Forschungsförderung abzulehnen seien.

„Es ist doch verrückt, Geld von einer Industrie anzunehmen, deren Produkte bei bestimmungsgemäßem Gebrauch die Hälfte der Konsumenten töten“, findet Martina Pötschke-Langer, Leiterin der DKFZ- Stabsstelle Krebsprävention. Intern haben die Mitarbeiter des DKFZ deshalb präzisiert, dass sie auch kein Geld von Stiftungen des öffentlichen Rechts annehmen wollen, die von Tabakkonzernen abhängig sind. Auch die Lungenärzte, die die fatalen Folgen des Zigarettenkonsums täglich sehen, haben sich ein Jahr später zu so einer Selbstverpflichtung durchgerungen. Im vergangenen Jahr wurde zudem dem Deutschen Ärztetag ein Antrag auf einen Kodex vorgelegt, der derart finanzierte Forschung verbieten soll.

Beim „Forum Rauchfrei“, das im Jahr 2000 ausgerechnet auf Initiative eines damals am Deutschen Herzzentrum beschäftigten Arztes entstand, wünscht man sich, dass das Herzzentrum und die Charité eine solche Erklärung unterschreiben. Von der Drogenbeauftragten des Bundes fordert die Gruppierung eine bundesweite Erhebung über Forschungsaufträge mit Mitteln der Tabakindustrie.

Dass die in den vergangenen Jahrzehnten Einfluss auf die Forschung genommen hat, zeigen viele der mehr als sechs Millionen Dokumente, die Ende der neunziger Jahre im Rahmen von Schadenersatzprozessen auf Druck von US-Gerichten veröffentlicht wurden. Unter dem Titel „Vom Teufel bezahlt“ haben sich Thilo Grüning von der London School of Hygiene and Tropical Medicine und der Lungenspezialist Nicolas Schönfeld vom Berliner Helios-Klinikum Emil von Behring im „Deutschen Ärzteblatt“ dem Thema gewidmet. Ihren Recherchen zufolge wurden vor allem in den achtziger Jahren in Deutschland zahlreiche Projekte vom Verband der Cigarettenindustrie finanziert, bei denen teilweise auf die Anlage der Studien und die Art der Publikation Einfluss genommen wurde. Kaum erstaunlich, dass vor allem Lungenspezialisten, deren Forschung den Anteil des Rauchens an der Krebsentstehung relativierte, als Ansprechpartner gefragt waren.

Flecks Arbeitsgruppe ist mit dem Stiftungsgeld allerdings in einem Bereich tätig, in dem für die Zigarettenhersteller kaum erfreuliche Botschaften herausspringen dürften: Die Forscher möchten mithilfe der Magnetresonanz-Tomografie schädliche Ablagerungen in Blutgefäßen sichtbar machen und suchen dafür zum Beispiel nach Molekülen, die für Entzündungen typisch sind. Nach „Auftragsforschung“ im Dienst der Raucherlobby klingt das nicht. Fleck verweist zudem auf die transparenten Vergabekriterien der Foundation. Sprecher des „External Research Program“, in dessen Rahmen das Projekt finanziert wurde, versicherten gegenüber dem Tagesspiegel, nicht an Design oder Ausführung der Studien beteiligt gewesen zu sein. Das Programm des internationalen und des amerikanischen Konzernbereichs ist im Jahr 2007 ausgelaufen.

Die in München ansässige deutsche Philip-Morris-Stiftung, bekannt als Stifterin eines Wissenschaftspreises, der seit 25 Jahren jährlich an Geistes- und Naturwissenschaftler vergeben wird, ist organisatorisch vom Mutterkonzern unabhängig und in den konkreten Fall nicht involviert, wie eine Sprecherin sagte.

Weil 80 Prozent der im Research Program geförderten Projekte aus den USA stammen, erfüllt Fleck die Förderung seines Projekts durch die US-Stiftung mit einem gewissen Stolz. Inzwischen sind sechs Publikationen daraus hervorgegangen – „im Peer-Review-Verfahren geprüft und mit Hinweisen auf den Geldgeber versehen“, wie der Kardiologe betont. Ein ehemaliger Mitarbeiter seiner Klinik, der dank eines Stipendiums der Stiftung in Los Angeles forschen konnte, arbeitet inzwischen in der Charité. Fleck teilt die Befürchtung nicht, dass durch die Förderung anerkannter Wissenschaftler das Ansehen des Tabakkonzerns – und seiner Produkte – gehoben werde.

Die Einwerbung von Drittmitteln, auch aus privaten Geldquellen, ist traditionell ein wichtiges Kriterium für die Güte einer Forschungseinrichtung. „Ohne private Finanzierung wüssten wir viel weniger, Bund und Länder fördern kardiologische Projekte schließlich mit enttäuschend niedrigen Summen, für die Krebsforschung steht deutlich mehr Geld bereit“, sagt der Herzspezialist. Solange die Ergebnisse nicht beeinflusst werden, habe er auch mit der Finanzierung durch einen Tabakkonzern kein Problem. Wenn es um Gesundheitsgefahren gehe, könne man angesichts der hohen Zahl Spielsüchtiger schließlich auch über den Einsatz von Lottogeldern streiten.

„Man kann nicht sagen, dass Philip Morris ein neutraler Sponsor ist“, sagt dagegen Johannes Spatz, Sprecher des Forums Rauchfrei. Im speziellen Fall sieht er das Problem dadurch verschärft, dass schon im Jahr 2000 ein Kontakt zwischen Fleck und dem Infibo-Institut für biologische Forschung bestand, das zu diesem Zeitpunkt Philip Morris gehörte. In einem Gesprächs-Memo, das dem Tagesspiegel vorliegt, hat ein Institutsmitarbeiter damals allerdings festgehalten, dass der Kardiologe von vorneherein auf einer „klaren Definition der Grundlagen und Ziele“ einer möglichen Zusammenarbeit bestand und seine Skepsis zum Ausdruck brachte.

„Keine Frage, das Rauchen ist ein dramatischer Risikofaktor, gegen den man vorgehen muss“, bekräftigt Fleck, fügt jedoch gleich hinzu: „Das sollte aber nicht in Form von Glaubensbekenntnissen und mittels übler Nachrede geschehen.“ Ob stattdessen strengere Spielregeln für die Annahme von Geld für die Forschung ein geeignetes Mittel sind, darüber werden Fachgesellschaften, Ärzteverbände, Universitäten und andere Forschungseinrichtungen in den nächsten Jahren wohl weiter diskutieren – gewissermaßen mit rauchenden Köpfen.

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