Medizingeschichte : Aids - Der Kampf um Ruhm und Geld

Vor 25 Jahren verkündete Robert Gallo der Weltpresse, er habe das Aidsvirus entdeckt – zu Unrecht.

Justin Westhoff

„Heute darf die medizinische Wissenschaft in den Vereinigten Staaten mit einer wunderbaren Entdeckung ihrer ruhmreichen Geschichte ein neues Kapitel hinzufügen … Das neue Verfahren wird die Entwicklung eines Impfstoffs ermöglichen, der Aids verhütet. Wir hoffen, dass ein solcher Impfstoff in zwei Jahren erprobt werden kann.“

Margaret Heckler sagt an diesem 23. April 1984 die Unwahrheit, erweckt leichtfertig eine unerfüllbare Hoffnung – und löst einen der größten „Wissenschaftskrimis“ der Geschichte aus. An jenem Ostermontag behauptet die US-Gesundheitsministerin vor der Presse, Robert Charles Gallo, Direktor des Labors für Tumorvirologie der Nationalen Gesundheitsinstitute (NIH) in Bethesda /Maryland, habe quasi im Alleingang den Erreger der Immunschwäche Aids gefunden. Die Arbeiten von Luc Montagnier am Pariser Pasteur-Institut bezeichnet sie als „Bemühungen“ und sagt beiläufig: „Es sind auch in anderen Labors weitere Entdeckungen gemacht worden.“ Ihre Impfstoffprognose löst bei Wissenschaftlern Verärgerung aus – sie hat sich auch 25 Jahre danach nicht erfüllt.

Schon damals hätte Heckler wissen müssen: Entdecker des Aidsvirus war Montagnier. Gallo wurde später des Betrugs, mindestens aber der Schlamperei im Labor bezichtigt. Dabei hatte er sich vor dem Aids-Streit enorme Verdienste erworben. Er fand zunächst Interleukin-2, das maßgeblich an der Steuerung des Zellwachstums beteiligt ist. Mit diesem Botenstoff konnte er T-Lymphozyten im Labor züchten – das wiederum war Voraussetzung für seine Entdeckung, dass bisher nur von Tierkrankheiten bekannte Retroviren auch beim Menschen Krebs auslösen können.

Gallo hatte die von ihm isolierten Erreger als HTLV-1 und -2 (menschliche T-Zell-Leukämie-Viren) bezeichnet. Auch der Auslöser von Aids befällt die T-Helferzellen der Körperabwehr; Gallo nannte ihn HTLV-3. Bald stellte sich jedoch heraus, dass die Verwandtschaft gering ist. Besser lag Montagnier: Er hatte bereits im Mai 1983 über die Isolierung eines Retrovirus bei einem Menschen berichtet, der zu den Aids-Risikogruppen gehörte, und nannte den Erreger Lymphadenopathie-Virus (LAV). Später einigte man sich auf die Bezeichnung HIV (Humanes Immunschwächevirus).

Robert Gallo hat bei der Pressekonferenz im April 1984 die Forschungsarbeiten zu dem Aids-Erreger persönlich dargestellt. Was dem folgte, war Ausdruck nationalistischer Egoismen, der Jagd nach lukrativen Patenten – und es zeigte zwei Persönlichkeiten, wie sie unterschiedlicher nicht sein können. Hier Luc Montagnier, eher Grandseigneur als Guru, verschlossen und pressescheu, ein detailversessener Laborforscher. Auf der anderen Seite der charmante und hemdsärmelige Star Robert Gallo, eher Visionär als Arbeiter hinterm Mikroskop.

Die Vorgeschichte: Im Juni 1981 berichtete der US-Virologe Michael Gottlieb in der Zeitschrift „MMWR“ der Zentren für Krankheitsüberwachung (CDC) erstmals über Patienten mit einer seltenen Form von Hautkrebs und Lungenentzündungen. Betroffen waren hauptsächlich Homosexuelle. Wenig später meinte der PublicHealth-Professor Bill Darrow, die Ansteckungsquelle gefunden zu haben: einen schwulen Steward einer kanadischen Fluglinie mit vielen Sexualkontakten, den er „Patient null“ nannte. Aber Darrow irrte sich. Denn später wurde klar, dass die Inkubationszeit zwischen Ansteckung und Krankheitsausbruch länger dauert.

Gleichzeitig begann die Erforschung der Krankheitsursachen. Bald wurde deutlich, dass es sich wahrscheinlich um ein Retrovirus handeln musste. Jean-Claude Cherman und Françoise Barré-Sinoussi aus Montagniers Gruppe gelang es, das Virus zu isolieren. Zu der Zeit gab es durchaus eine enge Zusammenarbeit zwischen den Pasteur-Forschern und Gallos Gruppe mit ihrer großen Erfahrung mit Retroviren. Die US-Forscher erhielten aus Paris unter anderem Virusproben und eine elektronenmikroskopische Aufnahme des LAV. Unbestrittenerweise verfügte auch Gallo über Virus-Isolate. Er bereitete mehrere Arbeiten über den Zusammenhang zwischen Aids und Retroviren vor, die im Juni 1984 in den Fachzeitschriften „Science“ und „Lancet“ erscheinen sollten. Doch zuvor hatte der viel gefragte Krebsforscher gegenüber einem britischen Wissenschaftsjournalisten unvorsichtig geäußert, er sei dem Aids-Erreger auf der Spur und würde dies publizieren. Unter Missachtung der Sperrfrist gelangte die Information an eine Zeitschrift.

In seinem 1991 erschienenen Buch „Die Jagd nach dem Virus“ schildert Robert Gallo, er sei bei einem Auslandsaufenthalt mit Anrufen von Wissenschaftlern, Politikern und Journalisten „bombardiert“ worden und habe sich gezwungen gesehen, sofort in die USA zurückzufliegen. Gesundheitsministerin Margaret Heckler habe beschlossen – so Gallo wörtlich – „unsere (!) Entdeckung des Aidsvirus bekannt zu geben“.

Jedoch hatte die „New York Times“ bereits am 22. April, einen Tag vor der Pressekonferenz, in einem Seite-1-Artikel berichtet, das Pasteur-Institut habe den Aids-Erreger gefunden. Er selbst sei darin nicht einmal erwähnt worden, beklagt Gallo. Und nach seinem Auftritt in Washington hätten die bittersten Jahre seines Forscherlebens begonnen: „Von dem ganzen Trara waren die Wissenschaftler am Pasteur-Institut verständlicherweise beunruhigt. Man beschuldigte mich, ich hätte Montagnier seinen Verdienst abgesprochen und behauptet, ich sei der alleinige Entdecker.“

Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung von Gallos Autobiografie war jedoch längst nachgewiesen, dass sein in „Science“ veröffentlichtes HTLV-3-Foto in Wirklichkeit Montagniers LAV zeigte und dass die publizierte Virus-Sequenz ebenfalls zu dem von Pasteur überlassenen Erreger gehörte. Gallo erklärt dies gekränkt mit Missverständnissen, Verwechslungen und Verunreinigungen im Labor. Dass ihm später Berichte auch amerikanischer Untersuchungskommissionen Fehler bescheinigten, erwähnt er nicht. Das ist um so bedauerlicher, als Gallo tatsächlich Verdienste auch bei der Jagd nach dem Virus hat. Besser als die Pariser Kollegen waren die von ihm angeleiteten Forscher in der Lage, das Virus in ausreichender Menge zu vervielfältigen – entscheidend für weitere Erkenntnisse und zur Entwicklung eines HIV-Tests, der sehr bald Blutprodukte sicherer machte.

Randy Shilts, der für den „San Francisco Chronicle“ über die Krankheit berichtete, fügt in seinem Buch „Und das Leben geht weiter“ einen weiteren Aspekt zu der einseitigen Bekanntgabe der Entdeckung an: die inneramerikanische Konkurrenz zwischen den Nationalen Gesundheitsinstituten NIH und den CDC, den Centers for Disease Control. Shilts schreibt: „Darüber hinaus war die Entdeckung des HTLV 3 im Wahljahr ein politisches Problem geworden.“ Der Erfolg sollte als Verdienst Reagans dargestellt werden. Außerdem „war es für Gallo eine unerträgliche Vorstellung, dass die Forscher am Pasteur-Institut als Entdecker des Aids-Erregers anerkannt werden könnten“. Gallo habe um die Kooperation zwischen CDC- und Pasteur-Wissenschaftlern gewusst: „Um nicht ins Hintertreffen zu geraten, sagte Gallo nun den CDC so wenig wie möglich“ über seine Erkenntnisse. Anschließend habe Gallo sowohl einem Kollegen von Pasteur als auch einem der CDC vorgeschlagen, jeweils ohne den anderen die Anerkennung einzuheimsen.

Worum es den Amerikanern mit der Verkündung der „Erstentdeckung“ des Aids-Erregers ging, steht außer Zweifel: um Lizenzgebühren. Luc Montagnier hatte schon vor April 1984 ein Patent angemeldet, und sogar das US-Patentamt erklärte 1986 den Franzosen zum Erstinhaber des Titels auf einen HIV-Test. Daraufhin brachen die US-Gesundheitsbehörden die Verhandlungen mit Pasteur ab. Es bedurfte eines Gipfeltreffens zwischen Chirac und Reagan, um die Streitigkeiten einigermaßen zu beenden.

Der Streit zwischen Montagnier und Gallo verhinderte lange, dass für die Aufklärung der Aids-Ursache der Nobelpreis verliehen wurde. 2008 schließlich waren es Luc Montagnier und Françoise Barré-Sinoussi, die diese Auszeichnung erhielten – im Hinblick auf die Entdeckung zu Recht. Nichts spricht indes dagegen, dem Amerikaner auch den Preis zuzusprechen. Für seine Entdeckung der menschlichen Retroviren und die rasche Entwicklung von HIV-Testverfahren.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben