Der Tagesspiegel : Mehr Licht

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ClausDieter Steyer über die dunkle Seite der strahlend hellen Festbeleuchtung

ANGEMARKT

Der Freund aus dem Erzgebirge staunte ganz schön bei der Fahrt durchs abendliche Brandenburg. „Da klappt dir das Kinn runter: In der schönsten Zeit im Jahr ist in eurer Streusandbüchse ein Lichtlmeer wie bei uns daheim.“ Das war natürlich stark übertrieben. Denn trotz der in diesem Jahr so stark wie lange nicht erleuchteten Häuser und Bäume in den Vorgärten bleibt der Glanz des sächsischen Erzgebirges als eigentliches Weihnachtsland unerreicht. Aber Brandenburg holt mächtig auf, genauso übrigens die Stadtrandgebiete Berlins. Kaum ein Fenster bleibt ohne Schwibbogen, die Giebel strahlen vor bunten Kerzen, an den Wänden hängen Weihnachtsmänner oder andere Symbole des Festes. Obwohl die Phantasie wohl mancherorts auch einige Übertreibungen hervorbringt – tut das viele Licht doch gut.

Dabei macht der aufmerksame Beobachter bei Fahrten übers Land gerade in diesen Tagen eine interessante Entdeckung: In jenen Gegenden, in denen die wirtschaftliche Lage besonders betrüblich ist, strahlen die Dörfer und kleinen Städte um so heller: in der Uckermark, der Prignitz, in Ostbrandenburg oder auch der Lausitz. Hier spielen offenbar die Ausgaben für immer raffiniertere Lichterketten, Baumkerzen oder Farbenspiele genauso wenig eine Rolle wie die erhöhte Stromrechnung. Dafür fällt der Kontrast zur öffentlichen Straßenbeleuchtung auf. Während sich viele Kommunen nur noch ein ziemlich trübes Sparprogramm leisten können oder nach 22 Uhr die Lampen ganz ausschalten müssen, drehen die privaten Haushalte kräftig auf.

Das gegenteilige Bild bieten viele im unmittelbaren Berliner Umland entstandene Wohnparks und Straßenzüge mit Einfamilien- oder Reihenhäusern. Zehntausende gut situierte Familien sind im vergangenen Jahrzehnt aus der Großstadt aufs Land gezogen, und obwohl manche Versprechungen vom Leben im Grünen mit guten Anschlüssen nach Berlin als Illusionen endeten, sind die wirtschaftlichen Verhältnisse hier bedeutend besser als in den Randregionen des Landes. Die meisten Neu-Brandenburger haben ihren Arbeitsplatz und damit ein gutes Einkommen behalten. So zeigen gerade die neuen Wohnparks einen gewissen Wohlstand – der sich aber kaum in einer übermäßigen Weihnachtsbeleuchtung ausdrückt.

Eine Erklärung dafür hat der Freund aus dem Erzgebirge parat. Dort entstand schließlich vor 260 Jahren nicht nur der heute überall präsente Schwibbogen. Auch der Brauch, die dunkle Jahreszeit mit möglichst vielen Lichtern zu erhellen, geht zu einem großen Teil auf die Tradition der Bergleute zurück. Sie sehnten sich während der Schinderei und der Gefahren unter Tage nach den Lichtern in ihren Häusern, in den Betstuben und Kirchen. Als das Erz rar wurde und die Männer zu Holzkunstwerkern wurden, bewahrten sie das Symbol des Lichtes in ihren Figuren. Und drückten damit nicht zuletzt auch die Hoffnung auf bessere Zeiten aus.

Anders dürfte es heute auch vielen Brandenburgern in der Weihnachtszeit nicht gehen. Oft hat die große Helligkeit einen ziemlich dunklen Hintergrund.

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