Der Tagesspiegel : Meiner? Deiner? Aller!

Smart zur Spontan-Miete: Irgendwo nehmen, irgendwo abstellen. Warum Daimlers Idee „car2go“ zieht

von

Sage hinterher keiner, man habe von nichts gewusst. Daimler ist dabei, ein völlig neues Geschäftsfeld zu erschließen und die Konkurrenz abzuhängen, ohne dabei ein einziges Auto zu verkaufen. Mehr noch: Die Wettbewerber merken offenbar nicht mal, dass das Rennen schon eröffnet ist. Im Klartext: Mit dem Projekt „car2go“ erproben die Stuttgarter ein Mobilitätskonzept, dem nach menschlichem Ermessen die Zukunft gehört – und mit dem sich folglich auch Geld verdienen lässt, wenn es so weit ist. Die Geschichte lebt von einer Einsicht, die durch Klimawandel, Wirtschaftskrise und Parknot in den Städten gediehen ist: Nicht jeder kann, nicht jeder muss ein eigenes Auto haben. Mit Fantasie gibt es bessere Lösungen. Sparsamere, umweltverträglichere.

„car2go“ wird eine davon sein. Das steht nach einem Pilotjahr fest. Der Erfolg in Ulm ist eindeutig. Das Geheimnis ist das Konzept an sich: Habe ich mich einmal angemeldet (Gebühr fortan: 19 Euro), kann ich einen von 200 Smart in der Stadt schnappen, wann und wo immer ich will. Über einen Chip auf dem Führerschein werde ich als zugelassener Nutzer identifiziert; ich habe Zugriff auf den Schlüssel im Handschuhfach; meine Strecken und Fahrzeiten werden automatisch erfasst. Auch das Zurückgeben funktioniert nach dem Prinzip Nutzen und Laune – im Stadtgebiet nach Belieben. Abgerechnet wird dann nach der gefahrenen Zeit (siehe Kasten auf dieser Seite). Für Kurzstrecken ist dieses Prinzip ebenso verlockend wie sinnvoll: Einkäufe sind nicht immer zu schleppen; spät nachts ist man nicht ständig unterwegs; und die Freunde am Stadtrand besucht man auch nicht alle Tage. Das alles sind für viele Stadtmenschen und ÖPNV-Nutzer Gründe, mal nicht mit dem Bus oder mit der U-Bahn zu fahren – wobei die Betonung auf „mal“ liegt. Dennoch haben bislang viele ein eigenes Auto unterhalten: Denn wenn es „mal“ so weit ist, soll es schließlich einfach, trocken und bequem sein.

Etablierte Alternativen wie Carsharing, wie sie bereits in vielen Städten angeboten werden, haben im direkten Vergleich einen entscheidenden Nachteil: Die Autos sind nur auf bestimmten Flächen und nach vorab geplanter Verfügbarkeit zu bekommen (und abzuliefern). Bei „car2go“ sind Spontanfahrten genauso drin wie Spontanabgaben. Das funktioniert erstaunlich gut, sagen die Projektleute in Ulm, die Nutzer sind außerordentlich zufrieden, wie Befragungen ergeben haben. 18 000 Leute machen inzwischen mit, maximal mit der Hälfte hatte man gerechnet. Es hat sich herumgesprochen, dass und wie es funktioniert. Man sieht die Smart überall in der Stadt. Und keiner steht länger als einen Tag, im Schnitt kommt ein Wagen auf vier bis acht Mietvorgänge am Tag. Irgendwer findet sich offenbar immer, der einen abgestellten Smart just da braucht, wo er gerade herumsteht.

Die Flotte in Ulm wird auf 300 Fahrzeuge wachsen, die bisherigen Smart-Diesel durch Benziner mit Start-Stopp ersetzt. Daimler bleibt nichts anderes übrig, um nicht am Fluch der guten Tat und der guten Idee zu scheitern. Es gibt die ersten Klagen, es sei schwer, einen freien Smart zu entdecken. Auch weil die Reservierungen zunehmen: Das „car2go“-Rechenzentrum in Ulm sammelt alle Wünsche und teilt dem Nutzer in der letzten Stunde vor Fahrtantritt mit, wo der reservierte Wagen steht – erstaunlicherweise wird ein Radius von ein paar hundert Meter rund um den Wohnort garantiert. Steigt der Nutzer ein, findet er stets einen sauberen, betankten Zweisitzer vor. Denn wer einen Smart vor dem Abstellen betankt, bekommt 10 Freiminuten. Zudem gehen die Fahrer ausnehmend kultiviert und pfleglich mit den Wagen um, sagt Projektleiter Robert Henrich. Die externen Servicekräfte müssen also selten Sonderschichten schieben, um den Fuhrpark in Ordnung zu halten.

Ob das in Metropolen wie Frankfurt und Berlin auch so wäre, wo es sicher rauer und zuweilen dreckiger zugeht, ist die Frage. Vielleicht lässt sie sich irgendwann mit praktischen Ergebnissen beantworten – denn Daimler will aus dem Piloten raus ins wahre Leben. Noch dieses Jahr wird eine europäische Großstadt in das Projekt einsteigen, welche, wissen derzeit vielleicht eine Handvoll Leute. Verraten werden sie es vor der offiziellen Verkündung im Sommer nicht. Einmal wegen des Knalleffekts, dann wegen der schwierigen Verhandlungen mit den Kommunalpolitikern. Da geht es dann insbesondere um die Frage des Parkens: Im Idealfall ist eine Stadt bereit, abgestellte Projektautos von den Gebühren zu befreien. Im kleinen Ulm ist diese Frage nicht so entscheidend, weil die parkraumbewirtschaftete City überschaubar ist und weil zig private Grundstücksbesitzer das Projekt mit Stellplätzen unterstützen. Doch in Ballungsräumen wird man sich mehr einfallen lassen müssen. Grund für kreative Lösungen gibt es genug: Nahezu jede Großstadt muss sich etwas überlegen, um dem Verkehrsinfarkt in der City zu entgehen. Weniger (und dann auch noch kleinere) Autos, weil sich viele mehr davon teilen, das wäre so ein Weg.

Obwohl das umwerfend einleuchtend ist, scheint es unrealistisch, dass eine deutsche Stadt den ersten Ernstfall von „car2go“ proben wird. Wie zwischen den Zeilen bei Daimler herauszuhören ist, scheinen die Fantasie und die Flexibilität andernlands größer zu sein – schon rechtlich. Weil das Projekt privatwirtschaftlich betrieben wird, zöge eine Bevorteilung über die Parkgebühren in Deutschland gewiss eine Klagewelle nach sich. Aber vielleicht erleben wie ja eine dicke Überraschung, wenn Daimler verrät, wer ins Boot kommt: Für den rot-roten Senat und Wowereit immerhin wäre es eine Riesenchance, endlich mal das zu sein, was man so gerne wäre: den anderen voraus.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben