Meinung : … Amerika

Christoph von Marschall über einen republikanischen Präsidenten, der plötzlich das Energiesparen entdeckt

Wird George W. Bush zum Grünen? Der Republikaner, der als Verächter des Kyoto-Protokolls zum Klimaschutz gilt, erstaunt seine Landsleute. Um Energie zu sparen, ließ er die Klimaanlagen im Weißen Haus, wo man gut gekühlte Räume unter 20 Grad Celsius gewohnt ist, auf ungewohnte 23 Grad hochstellen. Der Spruch, der bisher die Anforderungen an Nervenstärke und politische Durchhaltekraft von Mitarbeitern im Zentrum der Macht illustrierte, macht jetzt mit neuer Lesart die Runde: „Wer die Hitze nicht verträgt, hat im Westflügel nichts verloren.“ In einer Rede an die Nation forderte der Präsident die Bürger auf, weniger Auto zu fahren. Alle Behörden müssen binnen 30 Tagen Bericht erstatten, welche Maßnahmen sie ergriffen haben. Tags drauf sah man Finanzminister John Snow den Zug nach New York nehmen statt des gewohnten Flugzeugs. Und noch ein verstörendes Angebot an Bedienstete im Weißen Haus folgte: kostenlose Metro-Tickets für jeden, der seinen Parkplatz aufgibt und auf den öffentlichen Nahverkehr umsteigt.

Amerika erlebt die Schockwellen der Wirbelstürme und der steigenden Ölpreise. Vor einem Jahr war eine Gallone Benzin (3,78 Liter) unter zwei Dollar zu haben. Zum Ferienbeginn 2005 mussten die Amerikaner nach Wochen spürbarer Hektik an den Rohstoffbörsen bereits ein Drittel mehr bezahlen. Dann schlugen die Hurrikane zu, legten die Bohrplattformen im Golf von Mexiko lahm und große Teile der US-Raffinerien an der Küste. Inzwischen kostet die Gallone im Großraum Washington D.C. stabil über drei Dollar, 50 Prozent mehr als vor einem Jahr.

Dynamisch wächst die Nachfrage nach sparsamen Autos. Schwere Geländewagen waren im Sommer nur mit 20, 30 Prozent Nachlass loszuschlagen. Die Verkaufszahlen für Kleinwagen mit Hybridtechnik schnellten im September nach oben und liegen nach neun Monaten 2005 doppelt so hoch wie im ganzen Jahr 2004. Die 155 000 Fahrzeuge machen zwar nur 1,3 Prozent des US-Markts aus, beherrschen aber die Männergespräche über Autos. 2000 hatten nur 9300 Hybridwagen Käufer gefunden, das ist gerade mal fünf Jahre her.

Nun zittert Amerika einem Winter mit spürbar steigenden Heizkosten entgegen. Werden die Bürger dann Bush im Outfit des von ihm verachteten Jimmy Carter erleben? In der Ölkrise der 70er Jahre hatte der sein „Energie sparen!“ in wärmender Wolljacke in die Fernsehkameras gepredigt. Bush würde wohl Wert auf einen Zoom aufs Zimmerthermometer legen: als Beleg, dass er mit gutem Beispiel vorangeht.

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