Meinung : … Amerika

Christoph von Marschall

Die USA sind ein armes Land, im Brecht’schen Sinne. Der Dialog aus dem „Leben des Galilei“ – Unglücklich das Land, das keine Helden hat? Unglücklich das Land, das Helden nötig hat! – trifft doppelt zu. Heldentum ist der Stoff, aus dem die Träume sind, selbst wenn es das Leben kostet: von New Yorks Feuerwehr an 9/11 über gefallene Iraksoldaten bis zu den verschütteten Kumpeln in West Virginia. Was wäre Amerika ohne Helden? Doch bei Olympia, das Millionen seit Tagen vor die Fernsehschirme treibt, sind Helden Mangelware. Jedenfalls US-Helden. Bei den Medaillen liegt Amerika weit hinter Salt Lake City 2002 zurück.

Das bereitet der Werbebranche Sorgen. Sie ist es gewohnt, nach den Spielen die Auswahl zwischen verschiedenen Multimedaillengewinnern zu haben, die dann über Monate als zugkräftige Ikonen Cornflakespackungen und TV-Spots zieren. Einen Tag vor dem Ende der Spiele gibt es keinen vermarktbaren US-Athleten mit mindestens zwei Goldmedaillen. „Wir hatten noch kein Olympiateam, das so sehr gehypt wurde und dann so sehr enttäuschte“, sagt Bob Williams, Chef von Burns Entertainment & Sports Marketing.

Den Skiläufer Bode Miller hatten „Time“ und „Newsweek“ vor den Spielen auf den Titel gehoben. Er ging bisher leer aus. Snowboarderin Lindsey Jacobellis war in den Himmel gelobt worden, sah bereits wie die Siegerin aus, stürzte jedoch kurz vor dem Ziel und musste sich mit Silber begnügen. Eisschnellläufer Chad Hedrick gewann die 5000 Meter und holte über 10 000 Silber, behandelte aber Teampartner Shani Davis, den ersten schwarzen Goldmedaillisten bei einer Winterolympiade, so schäbig, dass er kaum für Werbung taugt. Eisprinzessin Sasha Cohen galt als sichere Werbekönigin, erst recht, als sie mit Punktevorsprung vor der Russin Irina Slutskaja in die Kür ging, aber sie stürzte und machte den Traum vom dritten Olympiasieg der US-Frauen in Folge zunichte.

So viele Enttäuschungen! In den deutschen Medaillenspiegeln fielen die USA tagelang auf Platz 4 zurück. In Amerika dagegen behaupteten sie Platz zwei, denn hier richtet man sich nach der Summe aller Medaillen, nicht nach dem Gold wie in Deutschland. Am Ende jedoch zählt in den USA nur die Nummer 1. Die Werbebranche sucht nach Alternativen, die sie zuvor nicht auf der Rechnung hatte: Eisschnellläufer Joey Cheek gewann Gold und Silber. Snowboarder Shaun White, Sieger in der Halfpipe, hat dank seiner roten Haare den werbewirksamen Spitznamen „Flying Tomato“. Nun werden wohl sie reich in diesem armen Land, das Helden so sehr nötig hat.

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