Meinung : … Belgien

Klaus Bachmann

über die Schuldzuweisungen für den Stimmenzuwachs des Vlaams Blok Wer ist schuld?“ Dabei geht es keineswegs um den Kindermörder Marc Dutroux, denn dass der schuld war, das war schon vor dem Prozess klar. Nein, jetzt geht es darum, wer schuld ist am Erdrutschsieg des Vlaams Blok bei den flämischen Regionalwahlen, wo die als rechtsextrem verschriene (und von einem Gericht als rassistisch verurteilte) Partei acht Prozent mehr geholt hat als vor vier Jahren. Die Belgier sind immer so stolz gewesen, dass es bei ihnen keine österreichischen Zustände gibt: Aufgrund eines Abkommens der etablierten Parteien kann ein „Blokker“ nicht einmal Schultheiß in der westflämischen Provinz werden. Doch grade deshalb, behaupten manche Soziologen, bekomme der Blok immer mehr Stimmen. So viel, dass es in ein paar Jahren vielleicht nicht mehr die anderen Parteien sein werden, die ihn von einer Koalition ausschließen, sondern umgekehrt. In Flandern gibts jetzt eine Art große Koalition – die einzige Alternative zu einer Regierungsbeteiligung des Vlaams Blok: Noch mehr Filz, noch mehr Vetternwirtschaft – und bei den nächsten Wahlen womöglich noch mehr Blok-Stimmen. Die Frankophonen und Wallonen sind schuld, tönt es nun aus Flandern, denn die widersetzen sich seit eh und je den flämischen Forderungen nach mehr Autonomie. Der „Blok“, so höhnt die frankophone Presse, sei ein „urflämisches Produkt“, entstanden aus dem Nationalismus, den die dortigen Parteien mit ihren Autonomieforderungen ständig schürten.

Der bizarre Streit verdeckt, dass es kein europäisches Land gibt, in dem eine rechtsradikale Partei dermaßen konsequent boykottiert wird, gleichzeitig aber so rasant in der Wählergunst steigt. Die Frage, ob es zwischen beidem einen Zusammenhang gibt, stellt in Belgien niemand. Denn die mögliche Antwort wäre äußerst unangenehm: Tatsächlich garantieren die Erfolge des Blok Flanderns Linken den Machterhalt – solange der Blok dämonisiert wird, ist keine Koalition ohne sie möglich. Auch den frankophonen Parteien kommen die Erfolge des Blok nicht ungelegen – solange der öffentliche Druck die etablierten flämischen Parteien von Koalitionen mit dem Blok abhält, können sie die Flamen untereinander ausspielen.

Der Blok aber wächst und wächst, Arbeiter, Angestellte, Bauern, ja selbst Antwerpener jüdische Geschäftsleute und selbst Immigranten wählen ihn inzwischen. Eine Ende seiner Erfolgsgeschichte ist nicht in Sicht und wer schuld daran ist, weiß man in Belgien noch immer nicht.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben