Meinung : … China

Harald Maass

Mao Tse-tung war berüchtigt für seine Visionen. 1973 sagte er dem König von Nepal: „Ich kann nicht schlafen, ehe die Eisenbahn nach Tibet fertig ist.“ Ein Jahr später, nachdem 3000 Arbeiter und 6000 Kamele in der Höhenluft ums Leben gekommen waren, musste Mao aufgeben. Nun haben seine Erben die Vision Wirklichkeit werden lassen. Am 1. Juli rollen die ersten Passagierzüge auf das Dach der Welt. Fünf Jahre dauerte der Bau der 1142 Kilometer langen Strecke von Golmud nach Lhasa. Sie führt durch sieben Tunnel und über 286 Brücken. Weil mehr als die Hälfte über Dauerfrostboden verläuft, mussten die Ingenieure ein Kühlsystem für die Gleise erfinden. Mit Ammoniak gefüllte Rohre, die mehrere Meter tief in die Tiefe gerammt wurden, sollen dafür sorgen, dass sich der Boden während der Sommermonate nicht erwärmt und brüchig wird. Am Ende kostete die Trasse 3,3 Milliarden Euro – 50 Prozent mehr als geplant. Bis zu 38 000 Arbeiter waren zeitweise damit beschäftigt. Wegen der Höhe trugen sie die meiste Zeit Sauerstoffmasken, im Winter sanken die Temperaturen auf minus 30 Grad. Wie viele Menschen starben, ist ein Geheimnis.

48 Stunden dauert die Fahrt nun von Peking in Tibets Hauptstadt. Die letzten 1000 Kilometer liegen meist über 4000 Meter, der höchste Pass ist 5072 Meter hoch – 200 Meter höher als die Andenbahn in Peru. Aus Schutz vor der Höhekrankheit sind die von Bombardier entwickelten Züge druckisoliert und mit Eisenplatten gegen Höhenwinde geschützt. Chinas Staatsmedien vergleichen die Bahn mit dem Bau der Großen Mauer. Bisher mussten Güter mühsam auf Lastwagen ins Hochland gekarrt werden. Bei gutem Wetter dauert die Fahrt auf dem Golmud-Lhasa Highway, der einzigen auch im Winter offenen Landverbindung, 30 Stunden. Wenn Regen die Piste wegschwemmt, brauchen die Lkws drei Tage. Künftig werden vier Züge am Tag in Lhasa ankommen. Jedes Jahr sollen eine Million Passagiere und 2,5 Millionen Tonnen Fracht transportiert werden. Nur die Tibeter wissen nicht, ob sie sich freuen sollen. In Lhasa und anderen Städten sind sie schon heute in der Minderheit. „Es findet eine Art ethnischer Genozid statt“, warnt der Dalai Lama. Die Bahn bringt noch mehr Chinesen nach Tibet. Wirtschaftlich macht das Projekt aber keinen Sinn. Im Hochland leben nur 2,7 Millionen Menschen. 38 Euro kostet das billigste Ticket von Peking nach Lhasa. Für ausländische Touristen gibt es Spezialzüge mit Flachbildschirmen und Panoramafenstern für 1000 Dollar am Tag. Dennoch amortisiert sich der Bau erst in mehr als 300 Jahren.

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