Meinung : … China

Harald Maass

Einer der sympathischsten Wesenszüge der Chinesen ist ihre Liebe zu Kindern. Wenn ich abends mit meinen beiden kleinen Söhnen in ein Restaurant gehe, brauche ich weder Spielzeug noch Babysitter. Die Kellner kümmern sich um die Kleinen, zeigen ihnen das Aquarium in der Küche und tragen, wenn es sein muss, auch mal ein schreiendes Baby auf dem Arm. In China ist das normal.

Durch die Ein-Kind-Politik hat sich die traditionelle Kinderbegeisterung noch gesteigert. Wo es früher zwei oder mehr Söhne und Töchter gab, konzentriert sich heute die gesammelte Liebe einer Sippe auf ein Kind. Im Restaurant sieht man Eltern, Großeltern, Onkel und Tanten, wie sie dem Sohn oder der Tochter stäbchenweise Shrimps-Bällchen in den Mund stopfen. Das Kind trägt die beste Kleidung, bekommt die neusten Spiele und sitzt im Auto selbstverständlich auf dem Beifahrersitz – der Rest der Familie drückt sich auf der Rückbank zusammen.

„Xiao Huangdi“, „Kleine Kaiser“ nennen die Chinesen die Generation der Einzelkinder, denen die Eltern jeden Wunsch von den Lippen ablesen. Teure Schulen, Ballettunterricht, ein Klavier, ein Computer. Chinesische Eltern opfern sich auf, damit es der nächsten Generation einmal besser geht. Das gilt auch beim Essen. In Peking und Schanghai sind die McDonald’s-Restaurants voll mit jungen Familien. Die Kinder essen, die Eltern schauen zu. Fastfood gilt als modern und westlich. Die Folge ist, dass immer mehr Teenager zu Fettleibigkeit neigen.

Der größte Unterschied zwischen China und dem Westen ist jedoch das Verhältnis zwischen den Generationen. Als Chinese bleibt man ein Leben lang das Kind seiner Eltern und hat ihnen Gehorsam zu leisten. Die entscheiden, was der Sohn oder die Tochter studiert, ob er oder sie ins Ausland geht. Oft suchen sie sogar den Ehepartner aus. In einem Pekinger Park treffen sich jede Woche Eltern, um ihre erwachsenen Kinder zu verkuppeln. Manche tragen Pappschilder um den Hals, mit dem Fotos und besonderen Vorzügen: „Tochter, Jahrgang 1976, 1,72 Meter groß, arbeitet in ausländischer Firma!“.

Eine Pekinger Freundin erfuhr per SMS von ihrer eigenen Hochzeit. Der Vater ihres Freundes hatte einen Wahrsager aufgesucht und sich einen glücklichen Heiratstag für die beiden ausrechnen lassen. Den Sohn und dessen Freundin, die davor nie über Heirat geredet hatten, informierte er erst, als der Termin schon feststand. Die beiden entschieden sich, noch zu warten. Denn sobald man als Chinese verheiratet ist, beginnt der Druck der Familie, Enkelkinder in die Welt zu setzen. Am besten einen Sohn, den die Großeltern dann richtig verwöhnen können.

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