Meinung : … die Palästinenser

Charles A. Landsmann

erzählt, wie die Hamas versucht, den Palästinensern ihre Moralvorstellungen aufzuzwingen Ist Hamas für oder gegen die Liebe? Eine Frage, auf die es seit Donnerstag in den Cafés, den Pubs und Discos von Ramallah eine eindeutige Antwort gibt: „Sowohl als auch. Im Prinzip sind sie dafür und dagegen, in der Praxis genau umgekehrt.“ Mary Rasek hat für einmal gut lachen, denn was die radikalislamistische Hamas in dieser spezifischen Sache entscheidet, ist für die junge Christin nicht bindend. Allerdings ist nicht nur sie über den sich rasch ausbreitenden Einfluss, den massiven Druck der Hamas zutiefst beunruhigt. „Wir Christinnen werden von den Massen als Freiwild betrachtet.“

Hamas hat am Donnerstag im Fußballstadion von Nablus die „größte Hochzeit in der arabischen Welt“ abgehalten: 40000 Verwandte, Bekannte oder einfach Neugierige nahmen an der Trauung von 226 Paaren teil. Kaum verheiratet, mussten die Paare getrennt zur Geschenkverteilung antreten: Waschmaschine für die Braut, Handy für den Bräutigam. Die gleiche Hamas hat aber auch dem Song-Star Amar Hassan verboten, bei seinen Konzerten Liebeslieder zu singen, nur nationale Gesänge seien erlaubt. Hassan weigerte sich, sein Konzert in Ramallah war daraufhin tumultös.

Hamas hat Amar Hassan schon letztes Jahre auf heimtückische Weise eine schmerzhafte Niederlage bereitet. Wie erst jetzt bekannt wurde, hat der seither in der ganzen arabischen Welt beliebte palästinensische Sänger den panarabischen „Superstar“-Wettbewerb gegen seinen letzten libyschen Konkurrenten Aiman Al Atar wohl nur deshalb verloren, weil Hamas seine eigenen Landsleute hinderte, ihn zu wählen. Anders als in den reichen Ölstaaten konnten die armen Palästinenser ihre Stimme per SMS nicht gratis abgeben: Hamas hatte die Chefs der palästinensischen Handy-Gesellschaft massiv bedroht, ihr Gratisangebot zurückzuziehen, was diese dann auch taten. Und weil Hassan damals keinen Love-Song zum Besten gab, ist klar, dass Hamas nicht nur etwas gegen gesungene Liebe hat, sondern prinzipiell gegen die „verwestlichte“ Kultur im weitesten Sinne.

Im benachbarten Israel benützt man das deutsche Wort „Kulturkampf“, um ähnliche Auseinandersetzungen zwischen den Ultrareligiösen und den Nichtreligiösen zu beschreiben. In Ramallah warnt der Kolumnist Mohammed Abdel-Hamid vor dem Zusammenbruch der nationalen Einheit und fragt angesichts des aggressiven Vorgehens der Hamas gegen Künstler wie Amar Hassan: „Folgen wir den Beispielen von Algerien und Afghanistan?“

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