Meinung : … Frankreich Hans-Hagen Bremer beschreibt, wie die Franzosen

erneut mit ihrer Kolonialgeschichte ringen

Hans-Hagen Bremer

Nur wenige Wochen nach dem Aufruhr in den Vorstädten lieferte Frankreichs Parlament ein beunruhigendes Beispiel politischer Blindheit. Mit 183 Stimmen der rechten Regierungspartei UMP gegen 94 der oppositionellen Linken lehnte es die Nationalversammlung ab, ein Gesetz abzuändern, das die Forscher an den Universitäten und die Lehrer an den Schulen auffordert, die „positive Rolle“ Frankreichs in den Kolonien, insbesondere in Nordafrika, hervorzuheben. Das umstrittene Gesetz war Anfang des Jahres verabschiedet worden. Es sieht Entschädigungen vor für die 1962 nach dem Frieden von Evian nach Frankreich zurückgekehrten Pieds-noirs, die Algerien-Franzosen, sowie für die Harkis, die Algerier, die auf französischer Seite gekämpft hatten. Eine Routinesache. In letzter Minute war der Vorlage jedoch der jetzt inkriminierte Zusatz eingefügt worden. In den Schulbüchern würde den Themen Zwangsarbeit, Folter und Massaker mehr Platz eingeräumt als Straßenbau, Schule, medizinischer Versorgung und anderen humanistischen Taten der Kolonisatoren, rechtfertigten die Autoren ihren Revisionismus. Die Franzosen seien der Selbstkasteiung überdrüssig.

43 Jahre nach dem Algerien-Krieg ringt Frankreich weiter mit seiner Kolonialgeschichte. Eine nostalgische Minderheit findet laut Umfragen breite Zustimmung und genießt selbst in der politischen Klasse Sympathien. Schon 2003 hatte der jetzige Außenminister Douste-Blazy ein ähnliches Gesetz durchzusetzen versucht. Eine weitere Initiative ist mit dem Namen der heutigenVerteidigungsministerin Aliot-Marie verbunden. Es sei wichtig, dass auch an das erinnert werde, was Frankreich zur Ehre gereiche, meinte jetzt der Minister für Kriegsveteranen, Mekachera, ein ehemaliger französischer Offizier algerischer Herkunft. Normative Kraft hat das Gesetz nicht. Die Geschichtslehrer sind in der Behandlung des Unterrichtsstoffs frei und die Historiker werden sich nicht gängeln lassen. Dennoch erhob sich ein Sturm Entrüstung. Angesichts drohender Proteste zog es Innenminister Sarkozy vor, eine Reise nach Martinique und Guadeloupe abzusagen. Premierminister Villepin erklärte, die Geschichte werde nicht vom Parlament geschrieben. Und Präsident Chirac sah sich zur Versicherung veranlasst, in der Republik gebe es keine offizielle Geschichte. Doch dass Gesetz besteht weiter und damit auch seine verheerende Wirkung auf die Nachkommen der Opfer des Kolonialismus, die ihre Diskriminierung im heutigen Frankreich als Wiederholung der Geschichte ihrer Väter empfinden.

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