Meinung : … Großbritannien

Hendrik Bebber

schreibt, warum englische Abiturienten trotz bester Examensnoten in der Kritik stehen Je unbedarfter die Schüler, desto besser die Noten: Anstatt sich zu freuen, dass eine neue Rekordzahl von 96 Prozent die britische Abitur-Prüfung bestanden hat, herrscht allgemeine Nörgelei am Niveau des Examens. Erziehungsminister David Millibrand sah sich gar genötigt, die verunsicherten Abiturienten aufzumuntern: „Lasst euch von niemandem vorhalten, dass die Maßstäbe niedriger geworden sind, nur weil ihr eine solch gute Leistung gezeigt habt.“ Aber der Vorsitzende des Verbandes der Schuldirektoren, David Hard, fürchtet, dass das Abiturzeugnis „bald nicht mehr das Papier wert ist, auf dem es geschrieben steht“. Nun sind die „A-Level“ nur bedingt mit einem deutschen Abitur zu vergleichen. Die britischen Schüler brauchen die Prüfung nur in drei selbstgewählten Fächern abzulegen. Die Notenstufen reichen von „A“ bis „E“, wobei selbst ein „E“ in nur einem Fach für den Abschluss reicht. Freilich bestimmt das Ergebnis die Studienmöglichkeiten. Wer an eine Nobeluniversität wie Oxford oder Cambridge möchte, benötigt drei „A“. Wegen der Inflation der „A-Level“ wird die Studienplatzsuche aber immer mehr zu einem Lotteriespiel.

Kritiker behaupten, dass nicht Fleiß und Begabung für das glänzende Ergebnis verantwortlich sind, sondern gesunkene Anforderungen. Vor 20 Jahren haben nur 15 Prozent der britischen Schüler an der Prüfung teilgenommen, davon erhielten zehn Prozent die Spitzennote – 1,5 Prozent der Altersgruppe. Heute legen über ein Drittel die Prüfung ab, und ein Fünftel davon bekam ein „A“. Das sind acht Prozent der Altersgruppe. Wie der Verband der Ingenieure feststellte, bedeutet dies aber noch lange nicht, dass die heutigen Absolventen besseren Kenntnisse in Mathematik oder Physik besitzen als ihre Vorgänger. Ein Vergleich zeigte, dass Leute, die vor sieben Jahren in diesen Fächern durchgefallen waren, heute ohne weiteres eine Durchschnittsnote für dieselbe Leistung bekämen. Befürworter der geltenden Prüfungsmethode sprechen von einem faireren System. Sie weisen darauf hin, dass heute statt akademischer Talente und Fakten-Paukerei kritisches Denken, emotionale Intelligenz, soziale Fähigkeiten und Problemlösung im Team gefragt seien. Deshalb hätten die Briten bei „Pisa“ auch so viel besser abgeschnitten als die Deutschen. Die Gegner dieser Theorie fürchten, dass britische Schüler zu reinen Dünnbrettbohrern werden, die immer mehr von den „harten“ Naturwissenschaften und den Sprachen zu Abschlüssen in „Micky-Maus-Fächern“ flüchten. Vielleicht finden beide Seiten ja Trost bei Oscar Wilde, der sagte: „Alles, was sich an Wissen wirklich lohnt, kann nicht gelehrt werden.“

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