Meinung : … Großbritannien

Matthias Thibaut

Ginge es nach Oliver Smith, wäre der Chef der britischen Liberaldemokraten, Charles Kennedy, im Amt geblieben. Der 12-jährige Smith, ein Harry-Potter-Typ samt Brille, wurde eben zum Präsidenten der „Libdem“- Ortsgruppe Amber Valley in Derbyshire gewählt und soll dort auf der ersten Station einer bestimmt schillernden Politikerkarriere für Eintracht und verfassungsmäßiges Betragen der Parteifreunde sorgen. Aber inzwischen dürfte er seine erste Lektion gelernt und Einblicke in die Ranküne der Parteifreunde im fernen London gewonnen haben. Der politische Dreikäsehoch konnte auf diese Weise etwas über die Gefahren des Alkohols lernen. Und, dass Ehrlichkeit und Fair Play eine Frage des Timings sind.

Kaum gestand Kennedy am Donnerstag einer eilends zusammengetrommelten Reporterschar, dass er in der Tat, wie seit Jahren gemunkelt wurde, ein Alkoholproblem habe, da begann die Rebellion gegen ihn auf Hochtouren zu laufen. In Derby verstand man die Welt nicht mehr. „Wo er nun doch Reue zeigt, müssen wir ihm doch eine Chance geben“, sagten die Parteifreunde und pochten auf Fair Play. In London kündigte die Hälfte der Unterhausfraktion Kennedy die Gefolgschaft. Der wollte sich „nicht aus dem Amt treiben lassen“, am Samstagnachmittag trat er dann zurück.

Das Raunen begann, als Kennedy im April 2004 in der Debatte zum Haushalt „unpässlich“ war. Doch erst als ein Fernsehreporter aus dem Nähkästchen plaudern wollte, schenkte Kennedy den Briten reinen Wein ein. Zeitungen flankierten ihre Berichterstattung verschämt mit Artikeln über Englands chronische Trinkprobleme und drucken Kurven der Leberzirrhoseerkrankungen ab, die wie die Klippen von Dover in die Höhe schießen. Dabei geht es gar nicht um Alkohol. Kennedy wurde abgesägt, weil er die strategische Antwort auf die Regeneration der Torypartei unter David Cameron verschlief. Nun kann man mit opportunistischer Gelegenheitsopposition allein keine Stimmen mehr gewinnen. Die „Libdems“ brauchen Profil – und Kennedy fehlte dazu, Alkohol oder nicht, die Führungsstärke.

So wurde Kennedys Glückwunsch für Smith zu einer seiner letzten Amtshandlungen. Die Wahl des 12-Jährigen zeige, dass die Liberaldemokraten sich als „einzige Partei wirklich um die Jugend kümmert“, meinte der Parteichef. Schade, dass Oliver Smith noch keinen Parlamentssitz hat. Dann könnte man ihn in einer radikalen Verjüngungskur gleich zum neuen Parteichef machen.

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