Meinung : … Großbritannien

David Byers

Die Briten sind geschichtsversessen – ganz neu ist das ja nicht. Am heutigen Sonntagabend aber begehen sie einen besonders merkwürdigen Brauch. Wie jedes Jahr am 5. November feiert England die Bonfire Night – und erinnert an Guy Fawkes, den größten Verräter aller Zeiten. Eher unbritisch verwandeln sich Millionen braver Bürger in Pyromanen und fackeln Puppen und allerlei Feuerwerk ab.

Fawkes, ein Katholik, hatte am 5. November 1605 versucht, das gesamte englische Parlament im Westminster-Palast zu sprengen – und den verhassten protestantischen König James I. gleich mit. Doch Fawkes’ Pläne wurden in letzter Minute vereitelt, und so wurden er und seine Mitverschwörer gehängt, ausgeweidet und gevierteilt.

In der Erinnerung an dieses Ereignis haben sich die Briten ein wahres Elefantengedächtnis angeeignet. Doch 401 Bonfires später ist das Land nun in Unruhe. Glaubt man der seit Tagen schäumenden Boulevardpresse, ist das rührige Festereignis ernsthaft bedroht – durch die allgegenwärtige Political Correctness.

Offizielle aus dem Ostlondoner Stadtteil Tower Hamlets haben beschlossen, die Schießpulver-Story sei zu alt – und sagten die Bonfire Night einfach ab, erstmals in der Geschichte. Stattdessen spendierten die Lokalpolitiker von der regierenden Labour-Partei 75 000 Pfund (rund 112 000 Euro) für eine bengalische Tiger-Party mit Trommlern und Tänzern, um die große asiatische Immigrantenszene in der Gegend anzusprechen.

Einer der prominentesten Kritiker des Plans ist der örtliche Westminister-Abgeordnete George Galloway. Seit Jahren ist der Labour-Rebell darauf bedacht, in die Fußstapfen Fawkes’ zu treten und sich Verräter nennen zu lassen. Erst im vergangenen Jahr hatte der Irakkriegsgegner bei einer Reise in die USA glaubhaft zu versichern versucht, seine parlamentarische Arbeit würde nicht von Irak-Diktator Saddam Hussein bezahlt. „Guy Fawkes war einer der ganz wenigen Leute, die das Parlament mit guten Absichten betreten haben“, sagte Galloway jetzt – und ist nicht der Einzige, der die Bonfire-Absage nicht verstehen kann.

Tim Archer, Ratsherr der konservativen Tories vor Ort, schäumt, die Bonfire Night als Teil der „reichen und stolzen Geschichte“ Englands werde „weggeblasen“. Tower Hamlets bleibt dagegen stur. Die neue Party unterscheide den Bezirk schließlich von allen anderen Festlichkeiten in London, heißt es jetzt in einer Erklärung der linken Bezirksregierung – und werde sicher „so viele Leute wie möglich anziehen“.

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