Meinung : … Irak

Erwin Decker

über die einzige irakische Sportlerin, die an den olympischen Spielen in Athen teilnimmt Ihre alten Laufschuhe mit den Spikes trugen vor ihr schon vier Läuferinnen. Die Sportkleidung bekommt sie von der Altkleidersammlung in Europa. Der Bus, mit dem sie zum Training fährt, wurde schon beschossen. Wenn eine Bombe explodiert, kann sie oft gar nicht zum Training. Die achtzehnjährige irakische Läuferin Alaa Hiktmet trainiert unter schwierigsten Bedingungen in Bagdad. Und trotzdem hat sie es geschafft. Sie qualifizierte sich als einzige Frau des Irak für die olympischen Spiele in Athen. Sie ist der Stolz der vom Krieg gebeutelten Iraker. Aber ganz besonders der Frauen des Landes. Alaa ist bekannter als die meisten neuen Politiker.

Die Sprinterin kommt aus sehr armen Verhältnissen. Mit ihrer Mutter und drei Geschwistern teilt sie eine kleine Wohnung in einem baufälligen Haus. Die Familie muss mit 50 Dollar im Monat auskommen. Der einzige Stolz ist ein kleiner Fernseher. Ihr Lieblingsfilm ist „Titanic“. Sie muss jedesmal weinen. „Von so etwas Romantischem kann ich als Frau im Irak nur träumen. Es endet zwar traurig, ist aber trotzdem wunderschön.“ In der Stadt muss sie immer ein Kopftuch tragen. Anders beim Sport: Alaa trainiert zusammen mit den männlichen Läufern der Gruppe. Es wird gescherzt und gelacht. Die Leichtathleten akzeptieren sie. „Wir gehen ganz normal miteinander um. Im normalen Leben ist das nicht möglich."

Alaa hofft, mit ihrer Olympiateilnahme ein Zeichen zu setzen, dass Frauen nicht weniger wert sind als Männer. Und dass es im Irak nicht nur Krieg gibt. An zwei Tagen ist sie mit dem Trainer in einem privaten Fitnessraum, an vier Tagen auf der Bahn. Die Trainingsgeräte wurden von einem Autoschlosser zusammengeschweißt, sie rattern und quietschen. Alaa ist die einzige Frau im Kraftraum. Es war vor ihr auch noch nie eine andere da. Am Anfang schauten ihr die anderen Teilnehmer noch verschämt zu, jetzt gehört sie einfach dazu. „Lange störten mich die männlichen Gaffer außen an den Fenstern, jetzt sind sie weiß gestrichen.“ Sie weiß, sie hat in Athen keine Chance, aber der Gedanke dabei zu sein lässt ihr Herz höher schlagen. Und sie will ihren Landsleuten Mut machen. Wenn Alaa sich morgens um halb sieben auf den Weg zum Gymnasium macht, hat Mutter Hana immer Angst. In diesem Jahr sind schon zwei Schulkameradinnen von Alaa auf dem Schulweg entführt worden und nie wieder aufgetaucht. Alaa macht gerade das Abitur. Danach geht es zwei Wochen in ein Trainingslager des internationalen olympischen Komitees irgendwo in Europa. Im September, nach den Wettkämpfen in Athen, beginnt ihr erstes Semester Sport in Bagdad.

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