Meinung : … Irland

Martin Alioth

über den Ort in Dublin, wo Landpomeranzen auf Schriftsteller trafen Etwas verschämt hat sich letzte Woche eine liebenswerte Institution aus dem irischen Leben geschlichen: „Bewley’s Oriental Cafés“ an der vornehmen Grafton Street und an der Westmoreland Street, beide in der Dubliner Innenstadt, schlossen am Dienstag um 18 Uhr für immer. Über hundert Jahre lang schenkte die Quäkerfamilie Bewley anständigen Kaffee aus, seit 1927 in ihrem auffälligen Lokal an der wichtigsten Einkaufsstraße der Stadt, der Grafton Street, wo die funkelnden Mosaiken an der Fassade schon von weitem lockten. Linkische Landpomeranzen bestaunten hier urbanen Chic, Touristen glotzten ungläubig in die lodernden Kamine und verkaterte Studenten schlürften stundenlang aus einer einzigen Tasse. Berühmte Schriftsteller und Dichter setzten sich an ein Marmortischchen bei Bewley’s, um ihre Zeitung zu lesen oder Hof zu halten.

In Wien oder Berlin wären Bewley’s Etablissements nicht weiter aufgefallen, aber in Dublin blieben sie einzigartig. Bis vor etwa zehn Jahren waren sie überdies der einzige Ort in Irland, wo Kaffeebohnen einen Beitrag zur Herstellung des Getränks leisteten. Doch inzwischen haben auch die Dubliner den Latte und den Espresso entdeckt. Victor Bewley hatte die Firma in den 1980er Jahren den Angestellten geschenkt, doch dem radikalen Experiment war kein Erfolg beschieden: 1986 übernahm die Familie Campbell das Geschäft, der blühende Kaffeehandel subventionierte die Lokale und diese wiederum stopften die Fehlbeträge des hauseigenen Theaters im zweiten Stock. Dort konnten geplagte Bürohäftlinge bei einer Suppe und belegten Broten in der Mittagspause Literatur genießen. Im Kampf um Profite – die Ladenmieten an der Grafton Street stehen weltweit an fünfter Stelle – führte Bewley’s Selbstbedienung ein. Trotz weiterer Investitionen häuften sich die Verluste, Bewley’s wurde allmählich etwas schmuddelig, so dass am Ende nur die Schließung blieb. Eine Woche zuvor hatten sich betrübte und aufgebrachte Kunden zur Protestkundgebung versammelt. Auf der Galerie über dem Eingang wartete eine bärtige ältere Gestalt auf ihren Auftritt, die Gitarre auf den Knien. „Wir sind kein entspannter Ort für Besucher mehr“, klagte Ronnie Drew, der legendäre Vorsänger der „Dubliners“, „alles dreht sich nur noch ums Geld“. Andere zitierten den Dubliner Oscar Wilde mit seinem Ausspruch über Leute, die den Preis von allem und den Wert von nichts kennen. Viele Dubliner haben letzte Woche den Schauplatz ihrer Erinnerungen verloren.

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