Meinung : … Israel

Charles A. Landsmann

Die ganze Medineh drejht sich um a kleine Sach“. Des Rabbis Worte tönen auf Jiddisch besser, weil zweideutiger. Sinngemäß meinte er: „Das ganze Land dreht sich um den Penis.“ Israel hatte diese Woche nämlich nur ein Gesprächsthema: Die Homo-Parade in Jerusalem. Vor einem Jahr waren einige tausend Schwule und Lesben durch die Straßen der israelischen Hauptstadt getanzt. Ein jüdischer Ultrareligiöser hatte ein paar Marschierer niedergestochen und landesweites Entsetzen ausgelöst. Diesmal drohte das gesamte ultrareligiöse Bevölkerungsdrittel der Stadt mit Gewalt, tobten nächtliche Straßenschlachten. Eine einzigartige Kampffront, angeführt von Oberrabbi, Patriarch und Mufti, stellte sich gegen die „Entheiligung der Heiligen Stadt der drei großen monotheistischen Religionen.“ Rabbi Chaim Jaakov wütete: „Alle Meschugoijim (Verrückten) wollen uns sagen, dass wir Normalen meschugge sind. Das darf doch nicht sein.“ Doch, es muss sogar sein, befand der Rechtsberater der Regierung, es gehe um das Recht auf freie Meinungsäußerung. Er befahl der zögernden Polizei, die Schwulen zu schützen.

Fast zwei Drittel der Israelis sprachen sich schließlich gegen die Parade aus, meist aus Angst vor ultrareligiöser Gewalt. Ein Viertel war für den Marsch, der dann ins am Wochenende menschenleere Regierungsviertel verlegt wurde. „Sie waren im Stadtzentrum, wir haben sie an den Stadtrand abgedrängt und nächstes Jahr werden wir sie mit Gottes Hilfe ganz aus der Stadt vertreiben“, jubelte ein Rabbi. Und verdrängte, dass Jerusalem auch die Stadt König Davids ist, der auf den Dächern und in den Betten Jerusalems Männlein wie Weiblein liebte. („Mein Bruder Jonathan, ich habe große Freude und Wonne an dir gehabt; deine Liebe war mir köstlicher als Frauenliebe!“, 2.Samuel, 1:26). Nicht einmal Erklärungen wie die des religiösen Schwulen Ronen Chedi – „Als Religiöser habe ich die Wahl, Schweinefleisch zu essen oder nicht, als Homo habe ich keine Wahl: ich bin und bleibe schwul“ – vermochten die Fanatiker zu beschwichtigen. Doch dann tötete die israelische Artillerie in Beit Hanoun 19 Menschen durch Fehlbeschuss, die Palästinenser drohten mit mörderischer Rache, die israelische Polizei wurde in höchste Alarmbereitschaft versetzt und 9000 Polizisten mussten aus Jerusalem abgezogen werden. Schließlich gelang ein Kompromiss: Homos und Lesben marschierten nicht – nur gerade 2000 bis 3000 fanden sich im Universitätsstadion ein. Die Ultrareligiösen verzichteten ihrerseits auf den Großangriff. Die Israelis konnten sich den wirklichen Problemen zuwenden.

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