Meinung : … Italien

Paul Kreiner

über den Aufstand von Mopedfahrern ohne Helm, denen ihr Fahrzeug konfisziert wird Zentauren“: So heißen die motorisierten Zweiradfahrer in Italien, weil viele mit ihrem rollenden Untersatz so verwachsen scheinen wie weiland in Hellas’ Wäldern die wilden Männer mit ihren Pferdekörpern. Was Italiens renovierte Straßenverkehrsordnung nun für Mopedfahrer vorsieht, muss demnach als eine Art Totalamputation betrachtet werden: Wer ohne Helm unterwegs ist oder dessen Riemen nicht festgezurrt hat, wer zu zweit auf einem Mofa fährt, wer Tiere, Gepäckstücke und Kinder ungesichert befördert, ja sogar, wer raucht, telefoniert und deswegen eine Hand vom Lenker nimmt – der büßt sein Fahrzeug auf offener Straße ein. Die Polizei konfisziert es. Vier Wochen lang kann der Amputierte Einspruch erheben; wird dieser abgelehnt, rollen die Zweiräder in die Versteigerung.

„Exzessiv“ sei die Strafe, schimpft der Berufsverband der Stadtpolizisten. Sie und die Carabinieri sind es, die den geballten Volkszorn über die neuen Bestimmungen hautnah mitbekommen: Jugendliche in Avola, auf Sizilien, bewarfen Polizisten mit Steinen; in Neapel wehrten sich zwei Männer mit Schlagstöcken gegen den Entzug ihres Gefährts. In der Altstadt von Bari eilten wehrhafte Mütter einem 18-Jährigen zu Hilfe; eine Polizistin und ihr Kollege wurden getreten und krankenhausreif geprügelt.

Verkehrsminister Pietro Lunardi, erschrocken über die Proteste, kündigte schon Erleichterungen an, da fuhr ihm Innenminister Giuseppe Pisanu in die Parade. Das Gesetz, sagte er, sorge für mehr Sicherheit. Es funktioniere. Es bleibe. Und weder das Kabinett noch die zweite Kammer des Parlaments, das demnächst erneut über die Straßenverkehrsordnung debattiert, will sich weichklopfen lassen.

Manche Städte wehren sich: Würden sie die Bestimmungen umsetzen, könnten sie sich vor beschlagnahmten „Motorini“ nicht mehr retten. Als vollen Erfolg aber wertet man das Gesetz in Neapel. An die 800 Zweiräder wurden dort bereits beschlagnahmt; Polizeikordons rückten in Quartiere vor, in denen sich die Vertreter der Staatsmacht aus Angst vor der Camorra seit Jahren nicht mehr haben sehen lassen. Jetzt verfügt die Stadt nicht nur, wie es Bürgermeisterin Rosa Russo Iervolino ausdrückt, über ein Mittel „zur Lebensrettung für die jugendlichen Motorino-Fahrer“, sondern auch über eines gegen die grassierende Kriminalität. Zweifach besetzte Mofas nämlich waren bislang in den engen Gassen der Altstadt das beliebteste „Tatwerkzeug“ von Handtaschenräubern: Einer lenkt, der andere reißt.

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