Meinung : … Italien

Paul Kreiner

Es werde Licht“, sprach Pierfranco Midali, und siehe: Es ward Licht. Etwa 15 Milliarden Jahre nach Entstehung der Welt hat sich das piemontesische Alpendorf Viganella eine eigene Sonne erschaffen. Das war nötig, den Viganella hat ein Problem: Es liegt tief unten in einem engen Tal, und der Schöpfer des Universums hat es voller Ungerechtigkeit so gefügt, dass Viganella jedes Jahr im November von der richtigen Sonne verlassen wird. Das Gestirn zeigt sich erst wieder am zweiten Februar; dazwischen liegen 83 Tage Polarnacht, Kälte, Feuchtigkeit, Winterdepression – und das in Italien!

Es musste etwas geschehen, und es geschah etwas. Pierfranco Midali wurde zum Bürgermeister gewählt, ein Lokführer von Beruf, und es wäre ein Wunder gewesen, wenn nicht er endlich Zug ins Dorf gebracht hätte. Midali verbündete sich sich mit einer auf Tunnelbeleuchtung spezialisierten Firma aus der Nähe von Genua, bettelte 99 900 Euro bei den politischen Instanzen zusammen, und hat nun sein Werk gekrönt: Unter beträchtlichem Hubschrauberlärm ging auf steiler Bergeshöhe über Viganella die Sonne auf – ein Spiegel, viereckig, acht mal fünf Meter groß, bestehend aus blankem Edelstahl, in seinem Tageslauf gesteuert von sanfter Computerhand. Und die Piazza, gute Stube und Versammlungsort von Viganella, erstrahlt in hellem Glanze. Das reflektierte Sonnenlicht soll dort unten bis zu 80 Prozent seiner natürlichen Kraft und Wärme erreichen, sechs Stunden am Tag.

Nun ist die Idee von Bürgermeister Midali nicht einzigartig. Auch das winterdunkle Rattenberg im österreichischen Inntal will sich eine solche Höhensonne zulegen. Andere Alpengemeinden denken an eher brachiale Lösungen: Sedrina in der Nähe von Bergamo verhandelt gerade mit den Naturschutzbehörden über die Verlegung eines Steinbruchs. Die Bagger könnten doch, wenn sie ohnehin das Gelände zerwühlen, auch gleich den Schattenberg daneben köpfen, lautet die Überlegung. Nur 25 Höhenmeter müsste man abtragen, und schon hätte Sedrina den ganzen Winter über Sonne.

Hätte. Viganella hat. Und es hat noch viel mehr: Seit Bürgermeister Midali nämlich vor drei Jahren sein Projekt ankündigte, steht Viganella bereits im hellsten Schein der Weltmedien. Fernsehscheinwerfer aus aller Herren Länder ersetzen, woran es die Natur fehlen ließ. Touristen kommen, um sich dieses kreative Nest anzuschauen.

Und jetzt schreibt das Dorf auch noch den Lauf des Universums um: Als neuer Termin für die Wintersonnenwende gilt der 17. Dezember. Dann nämlich weiht Viganella seinen Spiegel ein.

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