Meinung : … Polen

Thomas Roser

schreibt über ein Verhütungsmittel, das zum Modetrend des polnischen Sommers wurde Lediglich 20 Quadratzentimeter groß ist das Pflaster, das derzeit in Polen den Frauenblätterwald kräftig rauschen lässt. Seit der belgische Pharmakonzern Janssen-Cilag seine in Deutschland gefertigten Pflaster zur Schwangerschaftsverhütung nun auch östlich der Oder anbietet, können sich dessen Marketing-Strategen über ein stürmisches Medienecho freuen – obwohl in Polen Werbung für rezeptpflichtige Arzneimittel verboten ist. Um potenzielle Kundinnen von den Vorzügen des wöchentlich zu erneuernden Verhütungsmittels wissen zu lassen, hat der Pflasterhersteller eine prominente Schauspielerin, eine bekannte Sängerin und eine populäre MTV-Moderatorin angeheuert, die das klebrige Produkt nun augenfällig auf Oberarmen und Schulterblättern tragen. Die öffentlich demonstrierte Verhütung der Ikonen der polnischen Popkultur hat in dem katholischen Land nicht nur eine heftige Debatte über Verhütung und Sexualmoral entfacht, sondern auch die Sommermode bereichert: Das lässig auf den entblößten Bauch, stramme Flanken oder neben das Schulter-Tattoo geklebte Pflaster empfinden Polinnen als coolen Sommertrend.

Die jungen Mädchen wollten mit dem Pflaster zeigen, dass sie schon, und ältere Frauen, dass sie noch sexuell aktiv seien, vermutet die Sängerin Reni Jusis, die sich bemüht, ihrem Werbeengagement eine gesellschaftliche Komponente zu geben: Sie hoffe, dass sich mit der PR-Kampagne die Einstellung zur Familienplanung verändere. Während konservative Moralwächter den Pflastertrend als weiteren Verfall der Sitten werten, glaubt die Feministin Agnieszka Graff, dass der Medienrummel ein Schritt zum Abbau des Tabus sein könne, das in Polen noch immer auf dem Sexualleben laste: Mit dem Pflaster gebe man das Signal „ich bin prima – und habe Sex“.

Unumstritten ist das öffentliche Bekenntnis zur Verhütung unter Polinnen nicht. Es fehle nur noch, dass sich Frauen das Pflaster auch noch auf die Stirn kleben, ätzt eine Monika auf der Chatsite der Tageszeitung „Gazeta Wyborcza“: Manche müssten wohl unbedingt zeigen, dass sie überhaupt noch ein Sexualleben hätten. Andere Frauen fürchten, dass direkte Sonnenbestrahlung die Wirkung des Pflasters beeinträchtigen könnte. Zudem beeinträchtige es am Strand die gleichmäßige Bräunung. Eine Chat-Teilnehmerin gibt gar zu bedenken, dass das auf Schultern getragene Verhüterlein in Bus und Bahn leicht von Scherzbolden oder rechtsklerikalen Verhütungsgegnern abgerissen werden könnte: Besser sei es darum, das Pflaster an diskreten Stellen aufzukleben.

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