Meinung : … Russland

Elke Windisch

über ein Buch mit Präsident Putins starken Sprüchen – das vom Markt verschwunden ist In Russland liebt man die deftige Sprache. Da macht der Präsident keine Ausnahme. Wladimir Putin verdankt seine Popularität nicht zuletzt dem markigen Vokabular, mit dem er die äußeren wie inneren Feinde Russlands bedenkt. So tippten manche in Moskau auf einen Bestseller, als ein anonymes Autoren-Kollektiv vor wenigen Wochen eine Sammlung mit Putins starken Sprüchen ankündigte. Doch nun ist das Buch, über das die „Komsomolskaja Prawda“ und „Radio Liberty“ berichtet haben, in keiner Buchhandlung zu bekommen. Wie das? Wenn gewöhnliche Sterbliche im Fernsehen Kraftausdrücke verwenden – massakrieren, zermurksen, Sch...haus –, wird das mit einem Piepston überblendet. Der Präsident jedoch hat diese Worte und viel derbere vor laufender Kamera in den Mund genommen. Nicht einmal der unabhängigste Chefredakteur würde es wagen, Putins Rede zu kastrieren.

Solche Operation bietet Putin Kritikern an, zum Beispiel vor zwei Jahren einem französischen Journalisten, der nach Tschetschenien gefragt hatte: Man habe in Moskau Spezialisten, die das so besorgen, dass da nichts mehr nachwächst. „Niemals nicht mehr.“ Der Spruch gehört zu den Highlights der Zitaten-Sammlung. Nichts haben die Autoren dem Herrn des Kremls vergessen: Weder den Marschbefehl für Moskaus Tschetschenienkämpfer („Wir werden diese Banditen auf dem Sch...haus platt machen“), noch die als „Petersburger Spitzen“ bekannten Sottisen, wie sie die Intelligentsija in Putins Heimatstadt liebt. Russland sei das Land der unbegrenzten Möglichkeiten – nicht nur für Gangster, auch für den Staat, sprich: dessen Beamte.

Viele Gemeinheiten sind leider unübersetzbar, andere ohne Kenntnis der russischen Realität schwer verständlich. Der Karikaturist des Massenblattes „Komsomolskaja Prawda“, Alexej Mirin – berüchtigt dafür, dem größten Quatsch noch eine Pointe abzuquälen –, durfte die bildhafte Sprache untermalen. Bei manchen „Perlen“ musste selbst er passen. In etwa hatte Putin wohl sagen wollen, Zentralismus sei kein Dogma, heraus kam: „Die Vertikale ist kein Absolut.“ So heißt auch eine bekannte Wodka-Marke.

Ursprünglich sollte das Buch am 1. April erscheinen. Der Termin wurde mehrfach verschoben. Inzwischen hat angeblich ein kremlnaher Oligarch die gesamte erste Auflage gekauft. Begründung: Momentan sei nicht die Zeit für solche Späße. Eine gelenkte Demokratie – auch dies eine Wortschöpfung Putins – darf wohl nur über sich selbst schmunzeln, wenn auch der Lenker das kann.

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