Meinung : … Russland

Elke Windisch

über die Knochen der Romanows, die gar nicht die Knochen der Romanows sind Die Öffentlichkeit ist irritiert, die Politiker sind alarmiert, und die russisch-orthodoxe Kirche triumphiert: Es waren wohl doch nicht die Romanows, die im Juli 1998 mit großem Pomp nach St. Petersburg überführt und dort in der Zarengruft beigesetzt wurden. Genau 80 Jahre zuvor waren der letzte russische Zar und dessen Familie von den Bolschewiki in Jekaterinburg erschossen und ihre Leichen in einem Waldstück verscharrt worden. Eben dort hatten Hobbyforscher Anfang der 90er  Skelette ausgegraben, die russische Wissenschaftler mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit als sterbliche Überreste von Nikolaus II, Zarin Alexandra Fjodorowna und vier der insgesamt fünf Kinder des Paares identifizierten.

Boris Jelzin, der mit dem damaligen Staatsbegräbnis die Aussöhnung der tief gespaltenen Gesellschaft im postkommunistischen Russland auf den Weg bringen wollte, hatte die Kirche sogar gebeten, die Zarenfamilie heilig zu sprechen. Der Klerus indes, dem die Funde von Anfang an nicht ganz geheuer vorkamen, sträubte sich lange und gab Ende letzten Jahres schließlich zwei neue Expertisen in Auftrag: bei einem Labor in Japan und der kalifornischen Stanford-Universität. Deren Forscher – in der russischen Kirchengeschichte ein bisher einmaliger Vorgang – bekamen sogar Zugang zu einer Reliquie: den Gebeinen der in den Heiligenstand erhobenen Großfürstin Elisabeth, der leiblichen Schwester der Zarin. Bei allem Gottvertrauen wollten sich die Heiligen Väter offenbar doch lieber durch exakte Analyse-Methoden definitiv Gewissheit verschaffen. Vor allem mit einem Vergleich der DNS. Deren Strukturen aber weisen bei der vermeintlichen Zarin und deren Schwester so große Unterschiede auf, dass die Forscher enge Blutverwandtschaft völlig ausschließen. Dazu kommt, dass die DNS der angeblichen Zarin kaum Spuren von Zerfall zeigte. Das aber ist nach Ansicht hiesiger Wissenschaftler nur möglich, wenn die Leichen im Permafrostboden konserviert werden. Jekaterinburg aber liegt im Ural, wo 30 Grad plus im Sommer keine Seltenheit sind.  

Namhafte russische Wissenschaftler drängten daher bereits die Duma, die Causa Romanow erneut aufzurollen. Das Parlament dürfte indes den Teufel tun. Wegen der Blamage und vor allem, weil dann auch die Umbettung der Mutter von Nikolaus II. scheitern dürfte, die Mitte der 20er Jahre im Exil starb und im Herbst 2006 ebenfalls in der Zarengruft beigesetzt werden soll. Ein Projekt, das für den Kreml absolute Priorität hat, weil Putin bei der Umbettung mit Anwesenheit des gesamten europäischen Hochadels rechnet und offenbar hofft, ein Teil des Glanzes werde an ihm hängen bleiben.

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