Meinung : … Russland

Elke Windisch

Anna Politkowskaja hatte für alle Anrufe nur eine Antwort parat: Kein Kommentar. Der wortmächtigen Journalistin, die durch ihre Tschetschenien-Reportagen inzwischen auch außerhalb Russlands ein Begriff ist, hatte der Deal glattweg die Sprache verschlagen: Am Mittwoch gab Altpräsident Michail Gorbatschow bekannt, dass er sich bei der „Nowaja Gaseta“ eingekauft habe, die bisher zu hundert Prozent den Machern gehörte – rund 30 Redakteure, darunter Stars der Branche wie Politkowskaja, die wegen kritischer Distanz zum Kreml von den Chefs staatsfrommer Medien gemobbt wurden, und Dutzende freie Mitarbeiter, die gut recherchierte Enthüllungsstorys zu Politik und Wirtschaft liefern oder unzensierte Augenzeugenberichte aus dem Nordkaukasus. Die „Nowaja Gaseta“, die seit 1998 zweimal wöchentlich in einer Auflage von 521 000 Exemplaren erscheint, gilt daher als eine der letzten Bastionen unabhängiger Berichterstattung in Russland.

Spätestens beim für Januar geplanten Relaunch dürfte es damit vorbei sein. Zwar steht Neu-Eigentümer Gorby im Westen für Glasnost – für Transparenz und Pressefreiheit. Doch Beobachter warnen bereits, Gorbatschow sei als „Schutzschild gegen den Einfluss des Kremls nur sehr bedingt tauglich“. Kompromisse bei der „Objektivität der Berichterstattung“ seien unvermeidlich. Derlei Befürchtungen sind nicht aus der Luft gegriffen. Bei der Bekanntgabe des Deals warf Gorbatschow zunächst westlichen Medien vor, ein negatives Russland-Bild zu zeichnen, um sich dann rückhaltslos hinter die Politik Putins zu stellen, die er zuvor des Öfteren kritisiert hatte: Putin sei der Garant für Stabilität, auch in Tschetschenien.

Hoffnungen auf einen „Aktientausch gegen Investitionen, bei dem die Redaktionspolitik nicht angetastet wird“, die Chefredakteur Dmitrij Muratow äußerte, dürften daher ein frommer Wunsch bleiben. Umso mehr, da Gorbatschow nur zehn Prozent der Anteile hält, sein Partner, der Milliardär Lebedjew dagegen 39. Und Lebedjew sitzt für die Kremlpartei „Einiges Russland“ in der Duma.

Die, so fürchtet der demokratische Abgeordnete Wladimir Ryschkow, wolle angesichts nahender Wahlen die letzten Widerstandsnester auf Linie trimmen. Der Trend ist in der Tat nicht zu übersehen: Die einflussreiche „Iswestija“ wurde im letzten Jahr von Gasprom übernommen, die kritische „Nesawissimaja“ im August von einem Vertrauten von Wirtschaftsminister Gref. Gerüchten zufolge soll auch die Wirtschaftszeitung „Kommersant“ an den kremltreuen „Oligarchen“ Roman Abramowitsch verkauft werden.

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