Meinung : … Südafrika

Wolfgang Drechsler

über das Knochenwerfen bei Krankheiten Mit seinen schlanken Glastürmen wirkt Johannesburg wie das New York der südlichen Halbkugel. Doch der erste Eindruck täuscht: Wer sich in das Innere des südafrikanischen Industriemolochs wagt, bemerkt rasch, dass Erste und Dritte Welt hier verschmelzen. In einer kleinen Ladenzeile, gleich gegenüber einem der Glastempel, arbeitet Olga Mokwena in ihrer Arztpraxis. Die in ein buntes Tuch gehüllte Frau schüttet den Inhalt eines kleinen Sacks aus Tierfell auf eine Strohmatte und schaut prüfend auf das Gemisch an Tierknochen, Schalen und Schmuckstücken. Mokwena „wirft Knochen“, um die Krankheit einer jungen Patientin zu ermitteln. Ein praktischer Arzt würde bei der Frau mit dem schweren Mundausschlag womöglich Aids feststellen. Doch Mokwena, ein Sangoma oder traditioneller Heiler, vermutet andere Gründe. Sie glaubt, dass die Krankheit aus einem Mangel an Respekt gegenüber den Vorfahren herrührt, die deshalb keine Heilkraft mehr spenden. Zur Abhilfe mischt sie einen Trunk aus Kräutern und Baumrinde und murmelt dabei eine Formel. Sie behauptet, schon Patienten mit Aids geheilt zu haben.

Mokwena mag wie ein Scharlatan klingen. Gleichwohl haben Heilerinnen wie sie zuletzt an Zulauf gewonnen. Dutzende verdienen hier inzwischen ihren Lebensunterhalt als Sangomas und verkaufen nebenher die Rohmaterialien ihrer Arbeit wie Innereien, Rinden oder Wurzeln. Anders als zu Apartheidzeiten können die Heilerinnen ihr Gewerbe inzwischen ganz offen ausüben – und immer mehr Firmen, wie etwa der Stromkonzern Eskom, offerieren ihren Angestellten im Rahmen einer Krankenversicherung auch den bezahlten Besuch beim Sangoma.

Die enorme Popularität der Heiler hat nun auch das Parlament auf den Plan gerufen. Gerade erst hat es einen Gesetzentwurf erlassen, mit dem die Leistungen der traditionellen Heiler nun erstmals allgemein anerkannt werden. Gleichzeitig verpflichtet das Gesetz die Sangomas dazu, gewisse Mindeststandards bei der Ausübung ihres Berufs zu beachten. So sollen Heiler wie Mokwena künftig keine Medikamente mehr gegen Aids oder Krebs verschreiben dürfen. Insgesamt soll es vier Kategorien von Heilern geben: Wahrsager und Hellseher, Kräuterärzte, Geburtshelfer und traditionelle Chirurgen. Die wegen ihrer Aidspolitik umstrittene Gesundheitsministerin zeigt sich „tief befriedigt“, mit dem neuen Gesetz die „durch die Kolonisierung bedingte abschätzige Behandlung der traditionellen schwarzen Heilkunst“ ein für allemal beendet zu haben. Was immer man auch über die Sangomas denken mag: im neuen Südafrika liegen sie voll im Trend.

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