Meinung : … Tschechien

Kilian Kirchgäßner

Für Wahrsagerinnen gibt es auf Tschechisch ein schönes Wort: „Senzibilka“ ist der Begriff für eine Frau, die in die Zukunft schauen kann – und in Prag hat das eine Vertreterin dieser Zunft ganz besonders gründlich getan. Beim tiefen Blick in die Kristallkugel ist ihr erschienen, dass dem Prager Flughafen ein Terroranschlag drohen könnte.

Den Weg von den spirituellen Sphären zurück zur Realität war kurz: Die tschechische „Senzibilka“ wählte die Notrufnummer und übermittelte den diensthabenden Beamten die Befunde. Dort zögerte man keine Sekunde: Mitten in der Hauptverkehrszeit schickte die Polizei ein Sondereinsatzkommando zum Flughafen, vor dem Terminal bezog ein Panzerwagen Stellung, und in den Gebäuden patrouillierten Sicherheitskräfte mit Maschinenpistolen. Als sie auch nach Stunden nichts Verdächtiges gefunden hatten, kamen ihnen erste Zweifel an der seherischen Gabe der Wahrsagerin.

Für einen dezenten Rückzug allerdings war es zu diesem Zeitpunkt schon zu spät: Der tschechische Innenminister, der gerade auf einer internationalen Konferenz im Ausland weilte, hatte bereits die Presse darüber informiert, wie beherzt die Sicherheitskräfte unter seiner Führung das Land verteidigen würden. Die solchermaßen beschützten Tschechen zeigten sich jedoch eher amüsiert über die neue paranormale Division aus Wünschelrutengängern, die der Polizei ihre Arbeit abnimmt. „Lasst uns doch zehn Wahrsager einstellen und den ganzen Geheimdienst auflösen“, höhnte ein Leser in einem Internet-Forum, „das spart uns eine ganze Menge Geld!“

Auf helle Begeisterung stößt die Empfänglichkeit der Sicherheitskräfte für übernatürliche Phänomene auch bei der tschechischen Opposition. Eine solche Steilvorlage hat sie von einem Minister schon lange nicht mehr bekommen: „Wenn es das nächste Mal um eine höchst wichtige Entscheidung geht“, feixt der Oppositionschef im Prager Abgeordnetenhaus, „wird der Innenminister wahrscheinlich im Kaffeesatz lesen oder zu einer Kartenlegerin laufen.“ Ob ein entsprechender Service-Vertrag mit den führenden Esoterikern des Landes bereits abgeschlossen ist, fanden allerdings nicht einmal die tschechischen Zeitungen heraus, die auf ganzen Sonderseiten die spirituelle Strategie der Polizei analysierten.

Die „Senzibilka“ indes, die per Notruf vor den vermeintlichen Terroranschlägen gewarnt hat, kann ihre seherischen Fähigkeiten jetzt in eigener Sache verwenden: Wie wird der Gerichtsprozess ausgehen, in dem sie auf Erstattung der Einsatzkosten verklagt wird?

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