Meinung : … Türkei

Susanne Güsten

erzählt, warum der Briefwechsel zwischen Atatürk und seiner Frau unter Verschluss bleibt Das Sicherungssystem ist eines Staatsgeheimnisses würdig: Eine Person hat den Schlüssel zum Aufbewahrungsraum, weiß aber nicht, wo dieser ist; eine zweite kennt das Versteck, hat aber keinen Schlüssel und weiß auch nicht, wo er ist; eine dritte Person kennt den Schlüssel-Träger, aber nicht das Versteck. Damit soll sichergestellt werden, dass die sensiblen Unterlagen unter Verschluss bleiben. Es geht aber nicht etwa um Geheimdiensterkenntnisse oder Kriegspläne – es geht um Liebesbriefe.

Yusuf Halacoglu, der Vorsitzende der türkischen Gesellschaft für Geschichte, informierte jetzt darüber, wie der Nachlass der zeitweiligen Ehefrau von Staatsgründer Atatürk unter Verschluss gehalten wird. Die Familie von Latife Usakligil, die von 1923 bis 1925 mit Mustafa Kemal Atatürk verheiratet war, hat die Veröffentlichung untersagt, obwohl ein gerichtlich verfügtes Veröffentlichungsverbot vor wenigen Tagen ablief. Intime Details aus dem bisher weitgehend unbekannten Eheleben Atatürks können damit weiterhin nicht von der Öffentlichkeit diskutiert werden.

Nach Zeitungsberichten umfasst der Nachlass ein Tagebuch, Aufzeichnungen von Reisen, die Latife mit Atatürk unternahm, Briefe an Atatürk und Schreiben von ihm. Atatürk lernte die fast 20 Jahre jüngere Latife 1922 im westtürkischen Izmir kennen und war beeindruckt von der energischen, westlich orientierten jungen Frau, die in Paris und London studiert hatte. Ein Jahr später heirateten Latife und der damals 43-jährige Staatsgründer. Die kurze Ehe, die kinderlos blieb, war nicht glücklich, Atatürk und Latife stritten sich häufig. Der General und Staatspräsident musste unter anderem bei mitternächtlichen Trinkgelagen erleben, wie ihm seine Frau vor versammelter Mannschaft die Meinung geigte. Atatürk hielt das nicht lange aus und ließ sich scheiden. In Latifes Nachlass soll sich auch jener Brief befinden, mit dem Atatürk seine Ehefrau über die Scheidung informierte.

Latife Usakligil, die 1975 starb, blieb nach der Trennung von Atatürk unverheiratet und bewahrte über die Beziehung eisernes Stillschweigen. Und so soll es auch bleiben, wenn das Veröffentlichungsverbot der Nachfahren von Latife Bestand hat. Der Historiker Halacoglu hatte dafür geworben, lediglich die intimen Liebesbriefe des Ehepaares unter Verschluss zu behalten – vergeblich. Nationalisten wie der Kolumnist Emin Cölasan plädierten erfolgreich für einen weiteren Verschluss der Briefe. Sie befürchteten, Atatürks Bild in der Öffentlichkeit könne Kratzer bekommen.

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