Meinung : „ … übrigens auch ein Gefühl für Loyalität“

Tissy Bruns

Trotz einer engen, bekannten Vertrauensbeziehung landete die erste Kanzlerin einen Überraschungscoup, als sie Thomas de Maizière als ihren „Chef BK“ vorstellte, wie der Kanzleramtsminister im Kürzeldeutsch der Verwaltung heißt. Die Kabinettsklausur in Genshagen ist seine erste Bewährungsprobe. Denn Merkels Mann für Koordination muss dafür einstehen, dass Genshagen sachlich so gründlich und fein abgestimmt ist, dass auch ein kleiner Milliardenstreit das Bild nicht trübt.

Kaum ein anderer hat nach 1989 dafür so viel lernen können wie der Sprössling aus einer bekannten Hugenottenfamilie. 1989 traf der 1954 in Bonn Geborene in Berlin seinen Cousin bei einem Treffen der CDU-West mit der CDU-Ost. Als erster frei gewählter Ministerpräsident der DDR holte Lothar de Maizière den Vetter als Berater; damals lernten sich die junge Regierungssprecherin Angela Merkel und Thomas de Maizière kennen. Er nahm an den Verhandlungen um den Einigungsvertrag teil, war Staatskanzlist in Mecklenburg-Vorpommern in einer CDU/SPD-Regierung und in Sachsen unter Kurt Biedenkopf. Dresden lieferte dem Könner der geräuschlosen Abstimmungen eine gründliche politische Schulung in Sachen Machtkampf und Intrige. Denn Biedenkopfs quälender Abschied vom Ministerpräsidentenamt war auch eine Prüfung für de Maizière, der sich nicht gegen den von Biedenkopf hart bekämpften Georg Milbradt in Stellung bringen ließ. Er offenbarte damals, wie er schrieb, „Herz und Seele, Gefühle und Vorlieben und übrigens auch ein Gefühl für Loyalität“. Qualitäten also, die im öffentlichen Bild des sachorientierten Technokraten nicht gerade dominieren.

Loyalität ist die Eigenschaft, die für seinen neuen Posten so überragend wichtig ist wie Sachkenntnis, Verhandlungs- und Entscheidungsfähigkeit. Doch fertig ausgebildet ist niemand, der von Schwerin oder Dresden ins Kanzleramt wechselt. Denn mehr als in jeder Länderhauptstadt formt in Berlin die Öffentlichkeit die Politik – mit ihren Versuchungen, der latenten Ruhmsucht der Politiker und dem unerbittlichen Informationsbedürfnis der Medien. Wenn jeder Minister ein Interview weniger gäbe, dann wäre schon etwas gewonnen, hat er als frisch gekürter Kanzleramtschef gesagt. In diesen Tagen wird Thomas de Maizière lernen, dass Genshagen das Gegenteil von Klausur, vom Nachdenken jenseits der eitlen Welt mit ihren Tagesbedürfnissen ist.

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