Meinung : … USA

Malte Lehming

erklärt, warum Soldaten und Einwanderer an Thanksgiving besonders geehrt wurden Gefeiert wird reihum. Diesmal war jener Familienteil dran, der in Richmond in Virginia wohnt. Janet, Chris, zwei Kinder. Wir gehören nicht zur Familie, aber trotzdem dazu. Etwa 20 Kinder und 20 Erwachsene sind hier beisammen. Weiße Mittelschicht, weltoffen, politisch eher demokratisch. Über George W. Bush wird die Nase gerümpft. Als Tragödie indes gilt der Wahlausgang nicht. Thanksgiving ist der höchste amerikanische Feiertag, wichtiger als Weihnachten. Der Ablauf steht fest. Gegen Mittag trifft sich die Verwandtschaft, am frühen Nachmittag beginnt das Gelage. Auf dem Tisch stehen: Truthahn, Schinken, Kartoffeln, Mais, Bohnen, Kürbiskuchen, Süßspeisen. Man isst und isst. Vorher wird ein Tischgebet gesprochen, in dem das Jahr Revue passiert. Am späten Nachmittag überträgt das Fernsehen ein Football-Spiel. Abends, wenn die Kinder aufgekratzt und die Erwachsenen erschöpft sind, geht man auseinander.

Fernsehen und Football sind moderneren Datums. Der Rest des Rituals besteht seit 1621. Damals saßen puritanische Siedler und Wampanaog-Indianer in Plymouth einträchtig beisammen, um ein gutes Erntejahr kulinarisch abzurunden. Die Geschichte kennt jeder Amerikaner. In ihr vereinen sich nationalprägende Mythen – Eiwanderung, Religiosität, Offenheit, Gelobtes Land. Zwei Gruppen der Gesellschaft werden in diesem Jahr besonders geehrt – Einwanderer und Soldaten. Manchmal überschneiden sich die Gruppen. Wie bei Eddie Chin aus Burma. Das war jener US-Marine, der in Bagdad geholfen hatte, eine Statue von Saddam Hussein zu Fall zu bringen. Wie bei Ahmad Ibrahim aus Syrien. Der hofft noch auf einen Einsatz im Irak, um dort seine Arabischkenntnisse einbringen zu können. Wie bei José Gutierrez aus Guatamala. Der war als Junge illegal über die Grenze geschlüpft. Dann wurde er eingebürgert und trat aus Dank in die Armee ein. Gutierrez war der erste Marine, der im Irak getötet wurde.

An Thanksgiving offenbart sich Amerika. In diesem Jahr wurde gereist und geshoppt wie seit Jahren nicht mehr. Die Arbeitslosigkeit liegt bei knapp über fünf Prozent. Die Wachstumsraten der Wirtschaft müssen laufend nach oben korrigiert werden. Und während in Deutschland über Leitkultur, Parallelgesellschaft und Pisa-Studie gestritten wird, bedanken sich die Amerikaner dafür, dass 90 der 100 Topuniversitäten der Welt in ihrem Land liegen, sie wieder einmal bei Olympia und den Nobelpreisen abgeräumt haben und dass zwei Drittel ihrer besten Wissenschaftsstudenten die Kinder von Einwanderern sind, in erster Generation.

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